05.08.2014

Warum über neue Musik schreiben?

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Warum überhaupt über Musik schreiben? Benötigt Musik, vor allem gegenwärtige, Geschriebenes, um sich seiner Existenz gewahr zu werden? Mag sein. In sehr viel pragmatischerer Hinsicht bedarf es aber wohl des Schreibens über neue Musik zuallererst aus Gründen des Informierens und Dokumentierens.


Erklungenes, das eventuell zwar als Idee oder Konzept auf Notenpapier festgehalten ist, wird wohl eher und vor allen Dingen wahrgenommen, wenn es Worte gibt, die über dieses Erklungene verloren, gesprochen und gedruckt werden. Die Nicht-Beachtung ist der Tod.

 

Vermittlung: Aktuelle Musik, zumal diejenige, die nicht in Charts und im allseits gelebten Alltag stattfindet, muss transportiert werden. Aus den staubigen Konzertsälen in die Zeitungen, in die Öffentlichkeit. Musikschreiber sind hier Weggefährten, die Felder aufzeigen, Tendenzen weisen, Kontexte her- und darstellen. Der Autor als ordnende Instanz, ja auch als autoritärer Filter und Selektierer. Zeitgenössische Musik bedarf der Kritik: Was heißt das, Kritik? Ist Kritik, abgesehen von der subjektiven Einschätzung nach Gutdünken, nicht gerade dieses Einordnen, Verknüpfen, Geraderücken und Wiederaufbrechen? Vielleicht heißt Kritik auch, ein kritisches Potential des Gegenstandes, der mir vorliegt, aufzuspüren: Wie verhält es sich mit Lady Gaga und Gender-Fragen? Wie schreibt Luigi Nono Gesellschaftskritik in ein Ensemblestück ein? Kritik heißt vielleicht auch, die politischen, sozialen, historischen und ästhetischen Implikationen, die in der und in denen die Musik steckt zu beleuchten. Fragen zu stellen. Musikschreiber sind, sobald sie in die Tasten tippen und Texte veröffentlichen, diskursmitbildend. Sie legen einen Grundstein zur weiteren Theoretisierung dieser Musik, die uns Zuhörern begegnet. Und ja, auch hier hat das Schreiben einen Zeigefingergestus; es ist ein immer auch pädagogisches Sprechen, abhängig selbstverständlich davon wer, was, warum, wie und wo publiziert.

 

Aber warum schreiben? Die Lust am Texten trägt die Lust am Klang. Das Stottern und Blabbern und das Ringen und Kämpfen um Wörter macht Spaß. Dabei stellt sich immer auch die Frage, ob es Schreiben über Musik oder nicht vielleicht auch ein Schreiben von Musik ist. In den Worten, die gelesen werden, wird diese Musik, die stumme, wieder vital; sie muss wieder sprudeln. Der Autor schreibt sich gewissermaßen in das musikalische Objekt mit ein. Gehört das Schreiben gar zum musikalischen Objekt hinzu, das, was wir Musik, ein Musikstück nennen? Ist das Schreiben gar ein Überlebensbeweis von diesem so flüchtigen Medium Musik?

 

Aber auch mit Musik soll geschrieben werden, poetisch, kreativ, mit dieser konkreten Musik, die mir jeweils vorliegt, soll umgegangen werden. Eine spezifische Klanglichkeit gibt mir ein spezifisches Schreiben vor, ein immer neues Vokabular.

Dennoch: ist das Schreiben über Musik dann nicht letztendlich doch ein primär egoistisches Unterfangen?

Malte Kobel

Von Malte Kobel
05.08.2014

Warum überhaupt über Musik schreiben? Benötigt Musik, vor allem gegenwärtige, Geschriebenes, um sich seiner Existenz gewahr zu werden? Mag sein. In sehr viel pragmatischerer Hinsicht bedarf es aber wohl des Schreibens über neue Musik zuallererst aus Gründen des Informierens und Dokumentierens.