07.08.2014

Die Event-Manager

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Groß ist in – nicht nur bei den Donaueschinger Musiktagen 2013, die unter dem Motto „Musikalische Großformen" standen. Die ersten Tage der Darmstädter Ferienkurse 2014 könnte man ähnlich untertiteln. Auch hier wurde geklotzt. Den Anfang machte, nicht von schlechten Eltern, Stockhausens „Carré" für vier Orchester und Chöre.


Zwei Tage später: Johannes Kreidlers siebenstündiges Musiktheater „Audioguide". Einen weiteren Tag später, Dienstag, der Material-Overkill: Ein „multimediales Event" (laut Programmheft), komponiert für vier Heißluftballons (!) und Ensemble. Außerdem: Videokunst und eine Komposition mit Namen „Generation Kill". Alles an einem Abend, an einem Ort. Eine Tendenz zur Extension, zum Maximalen ist da.

 

An diesem Dienstagabend also die vorläufige Krönung dieser Entwicklung. Gestaltet wird das Event vom belgischen Nadar Ensemble, den Komponisten Michael Maierhof und Stefan Prins sowie dem irakischen Videokünstler Wafaa Bilal. Von Maierhof: „Exit F" für 4 Heißluftballons und Ensemble. Prins: „Generation Kill" für Percussion, E-Gitarre, Violine, Cello, die anderen vier Ensemblemitglieder spielen heute auf Spielkonsolen. Live-Elektronik & Live-Video.

 

Beides keine Uraufführungen. Die Verquickung der Stücke, das Arrangement des Abends, mit Live-Videos und Live-Acts, allerdings schon.

 

Die Highlights der Georg-Büchner-Stage – der Live-Ticker für Euch zum Nachlesen!

 

Das Event findet auf dem riesigen, in fünf verschiedene Treppenstufen aufgeteiltem Georg-Büchner-Platz vor dem Staatstheater Darmstadt statt. Es soll um 21 Uhr beginnen.

Das Event-Gelände beinhaltet: Eine große Bühne an dem einen Ende, entlang der Seiten acht Podeste für die Musiker, ein Rahmen. Dazu ein Videowürfel, mittig platziert und – die Ballons! Vier davon, an jeder Ecke einer.

 

Das Event ist extra betitelt: „Dead Serious". Ein todernstes Event. Das hält eine junge fünfköpfige Familie allerdings nicht davon ab, es sich eine halbe Stunde vor Start mit Picknickdecke und -korb auf dem Gelände bequem zu machen: „Wir wissen jetzt eigentlich nicht wirklich etwas über die Musik oder ihre Inhalte, aber wir haben von den Heißluftballons gelesen und das ist sicher eine schöne Sache für die Kinder." Da das Event Umsonst-Und-Draußen ist, tummelt sich hier natürlich auch sehr viel Laufpublikum. Obdachlose und Jugendliche treiben sich an ihrem Meeting-Poinst Georg-Büchner-Platz herum und lassen sich vom Trubel nicht aus der Ruhe bringen, geschweige denn verscheuchen.

 

Um 21 Uhr ist die Stimmung vorfreudig. Gehäufter Bierkonsum allenortens. Aber es geht nicht los. Festivalchef Thomas Schäfer erklärt, dass noch auf den Einbruch der Dunkelheit gewartet wird, man allerdings in der Zeit ruhig „noch ein kühles Getränk zu sich nehmen kann". Rauchen ist auch erlaubt, nur bitte nicht bei den Ballons. Beste Festivalstimmung. Warten und rauchen und trinken.

 

21:30 Uhr: Und ab! Die mittlerweile anwesenden Massen, um die 3000, werden nicht von Anfang an von allen Seiten beschallt, was möglich wäre. Auch noch keine Ballon-Action und keine Live-Music-Action. Der nicht übermäßig große Videowürfel startet. Er ist zwar nicht winzig, aber doch so klein, dass man schon recht nahe hingehen muss, will man etwas sehen. Und das wollen am Anfang eines Konzerts ja eigentlich immer alle. Es erfolgt eine kollektive Konzentration auf das Werk. Keine schlechte Leistung, bei so einem Großevent die Aufmerksamkeit gleich zu Beginn so zu verdichten.

 

Vor allem, da die ersten zehn Minuten, die dort auf der Videoleinwand ablaufen, den Ton angeben, für den Rest des Events. Man sieht: Landschaften, Straßen und Menschen aus der Vogelperspektive, dokumentiert von Ballons und Drohnen (schicke Quadrocopter, geschätzt 59,90 Euro bei Amazon).

 

Dann, man hätte fast das Event vergessen, „Ooooohs" und „Aaaaahhhs". Die Ballons werden mit Gas befüllt, da zuzuschauen, das macht wirklich jedem Spaß. Der direkte Bezug zwischen Heißluftballons als militärische Aufklärungsinstrumente von damals und den Drohnen als Äquivalent dazu heute scheint ein bisschen unter zu gehen. Aber geschenkt. Das muss nicht sofort passieren. Das Event hält ja noch viele mehr oder weniger klare Fingerzeige für uns bereit.

 

Die Musiker betreten jetzt ohne Vorankündigung ihre Podeste, „Exit F" ist im vollem Gange. Geige, Gitarre, Cello, Bratsche, allerlei Blasinstrumente – ein klassisches Instrumentarium, das allerdings mit Alltagsgegenständen bespielt wird (zum Beispiel die elektrische Zahnbürste) und mit typischen Maierhof'schen Spieltechniken und Effekten daherkommt (Untertöne). Ergänzt wird das Ensemble durch die Ballons, die auch Klang produzieren. Dann, wenn Gas gezündet wird. Das klingt auch mal so ähnlich wie das, was das Ensemble produziert.

 

Man spielt zusammen, nach einer Partitur. Auch die Ballons, deren „Spieler" einer grafischen Notation folgen. Das kann man entdecken, wenn man auf dem Event-Gelände herumläuft und sich alles anschaut, was da so ist. Man kommt da nämlich ganz nah an alle Spieler heran.

 

Kaum eine ganze Runde gedreht, schon ist das Stück vorbei. Blöd, weil man sich gerade mehr auf die Musik und mal weniger auf die übergroßen Ballons konzentrieren wollte.

 

Smile – You're on CCTV FestivalTV

 

Intermezzo: Aus den Lautsprechern die Stimmen amerikanischer Bürger, sie deklamieren den Patriot Act. Nach 9/11 von der US-Regierung verabschiedet, schränkt er bis heute die Bürgerrechte erheblich ein. Stichwort: Überwachung. Dazu wieder passende Bilder auf dem Würfel. Spätestens jetzt sollte jedem klar sein, um was es hier geht. Oh, und da kommen ja auch schon die echten Drohnen...

 

Ja, es fliegen tatsächlich drei Drohnen hoch in der Luft, nachdem „Exit F" verklungen ist. Sie filmen die Leute. Sofort zücken die kollektiv ihre Smartphones und filmen zurück. Irgendwie lustig. Was mit dem aufgezeichneten Filmmaterial im Laufe des Abends passiert? Dafür braucht man wohl nicht so viel Fantasie. Es stehen Leinwände auf der bisher noch dunklen und nicht bespielten Bühne. Da bietet sich doch was an...

 

Und tatsächlich Szenenwechsel. Die Bühne ist nicht länger dunkel und still. Also auf, hin, los! „Generation Kill" – Prins' Konsolen-Gemetzel. Jetzt also noch ein E-Sport-Event!

Vier Spieler vor einer transparenten Leinwand, vier dahinter, dahinter nochmal eine große Leinwand.

 

Die Spieler vor der Leinwand steuern mit Controllern von Spielkonsolen das, was auf der Leinwand passiert – und das sind ihre Ensemble-Kollegen – irgendwann anders beim Musik machen aufgenommen und jetzt zum „Zocken" freigegeben. Gedoppelt wird das vom tatsächlichen Spiel ihrer Kollegen, die hinter der Leinwand sitzen. Es ist alles sehr hektisch, Klang und Bild, auch weil die Konsolen sehr hektisch bedient werden.

 

Das Konsolenspiel verweist wieder auf die Drohnen und eine neue Art des Tötens – via Fernsteuerung via Drohne. Was auch überdeutlich gemacht wird, wenn ein Video eines solchen „Kills", wie der Zocker sagt, auf der Leinwand abgespielt wird. Frage: Wenn die Jungs und Mädels bei der Army so hektisch agieren würden wie die Musiker, wären sie in ihrem Job dann so effizient, wie man das auf der Leinwand sieht?

 

Dann sind endlich auch wir kurz auf der Leinwand! Yeah! Einmal jeder sich selber suchen bitte!

 

Dann wieder Ensemble spielt Ensemble, die Bilder verändern sich ein bisschen – Schluss.

 

Der Post-Event-Koller

 

Und jetzt noch schnell ein Bier gekauft und zurück zum Würfel: Hier scheint sich was zu tun. Eine Frau, die ihr Glitzer-Gold-Paillettenkleid richtet, sich schminkt, Schmuck anlegt. Per Live-Cam. Ihr Aufenthaltsort ist unklar – höchst mysteriös. Plötzlich klettert sie aus dem Würfel und legt auf diesem einen fünzehnminütigen Bauchtanz hin. Inklusive Tanz mit den Drohnen, die mittlerweile wieder aufgetaucht sind. Ist das ein Dance with the Devil? Oder wie? Sie trägt übrigens auch eine Kamera, irgendwo am Körper, die uns filmt und die Drohnen. Sichtbar wieder auf dem Würfel. Irgendwas will das, außer dem Kamera -Beobachtungs-Motiv, das allerdings mittlerweile vielleicht schon ein bisschen arg strapaziert ist.(?) Aber es bringt nichts Neues mehr rein. Wir werden gefilmt...ja...ein Tanz, den man gemeinhin mit der arabischen Kultur verbindet ...jaa...das bezieht sich wieder auf den Terror in und aus der arabischen Welt...jaaa...Aber es passt ziemlich gut, also zum Event. Immer wieder was bieten, Action, an verschiedenen Orten auf dem Event-Gelände – auch mal nackte Haut – verschiedene Menschen, Konsolen, Drohnen, „Hallo Mama"-Gruß in die Kamera, Tanz, Musik, Gesang und sowieso: Heißluftballons! Als Musikinstrumente!! Mit Partitur!!!

 

Es ist 23 Uhr. Das Event ist jetzt rum. Großes Lob an die Eventmanager. Was bleibt daneben? Ein bisschen weniger Angst vor Drohnen. Die nicht gerade subversive Omnipräsenz der Thematik. Wie jemand, offensichtlich nicht Neue Musik-Nerd, kurz vor Schluss ruft: „Kuckt mal, jetzt tanzen die Drohnen auch so wie die Tänzerin! Jetzt tanzen sie sogar zusammen. Uhhh!".

 

Das Gefahrenpotential ist weg. Man schließt die süßen, kleinen Dinger in sein Herz. Und auch die Kompositionen verlieren. Jede für sich, in einem anderen Programm, kann die Thematik besser erfahrbar machen. Aber nicht in diesen vielfachen Doppelungen.

Das Event sitzt. Der Stachel nicht.

Von Jakob Bauer
"Dead Serious", Foto: Daniel Pufe
"Carré" in der Böllenfalltorhalle am 2. August, Foto: Daniel Pufe
07.08.2014

Groß ist in – nicht nur bei den Donaueschinger Musiktagen 2013, die unter dem Motto „Musikalische Großformen" standen. Die ersten Tage der Darmstädter Ferienkurse 2014 könnte man ähnlich untertiteln. Auch hier wurde geklotzt. Den Anfang machte, nicht von schlechten Eltern, Stockhausens „Carré" für vier Orchester und Chöre.