07.08.2014

Arbeit am Mythos

BLOG

Am Samstag, dem 9., und Sonntag, dem 10. August, wird das Scelsi Revisited Projekt bei den Darmstädter Ferienkursen präsentiert. Uli Fussenegger, Kontrabassist beim Klangforum Wien, ist einer der Initiatoren des Projektes. Malte Kobel hat mit ihm gesprochen.


Vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit mir über das Scelsi-Revisited Projekt zu sprechen. Wie ist das Projekt ins Rollen gekommen?

 

Den Ausgangspunkt nahm es in Rom als ich in der Fondazione Scelsi ein paar Stunden verbracht und willkürlich in die Tonbänder, die Scelsi hinterlassen hat, hineingehört habe. Ich hatte das Glück gleich zu Beginn auf ein spektakuläres Band zu stoßen, auf dem sich mehrstimmige Ondiola-Aufnahmen befinden. Ich war erstaunt von diesem unglaublichen Klang, von dem Komplexitätsgrad dieser Musik. Ich dachte, es wäre schön, von diesem wunderbaren Material etwas an die Oberfläche zu bringen, in Form von neuen Kompositionen. Das war eigentlich der Startpunkt.

 

Was befindet sich denn alles auf den Bändern?

 

Es gibt sehr viele Aufnahmen mit Ondiola, einem Vorläufer des Synthesizers, aber auf den Bändern befindet sich auch von ihm selbst eingespielte Klaviermusik. Daneben aber auch Radiomitschnitte, Yoga-Stunden und Proben, beispielsweise mit der Sängerin Michiko Hirayama. Das ist ein buntes Sammelsurium. Auch spannend sind seine Memoiren.

 

Die Memoiren hat er selber auch eingesprochen? Also hat er diese wie auch seine Kompostionen nicht selbst niedergeschrieben?

 

Genau, die Memoiren hat er einfach aufgenommen. Sie sind wunderbar gesprochen. Großartig, wie jemand so viele Stunden Material in einem Fluss herunterspricht. Interessant ist ebenso, dass sämtliche Bänder unbeschriftet sind, das heißt, man weiß nie, was einen erwartet. Außerdem sind die Bänder undatiert und dementsprechend auch zeitlich nicht zuzuordnen.

 

Das heißt, dass mitunter auf einem Band auch mehrere Stücke ineinanderlaufen?

 

Erstens das, zweitens muss man sich aber auch bewusst machen, dass Scelsi sehr viele der Bänder überspielt hat. Er hatte scheinbar nie vor, ein Archiv anzulegen. Von vielen Stücken existieren daher keine Tonbänder mehr.

 

Hat sich ihr Scelsi-Bild im Laufe dieser Forschungsarbeiten geändert?

 

Das musikalische Bild hat sich verändert, ja. Auf den Bändern, auch auf denen mit Solo Ondiola, hört man unglaublich viele Variationen von Vibrato, in unterschiedlichsten Amplituden, in unterschiedlichsten Geschwindigkeiten, in Kombinationen mit Glissandi. Wir kennen aus den Scelsi Partituren nur ein einziges Zeichen für Vibrato. Es gibt zwar diesen Terminus des Scelsi Vibrato, aber wenn man sich die Bänder anhört, merkt man unweigerlich, dass man von diesem einen Vibrato weit entfernt ist. Insofern hat die Recherche für mich als Interpreten unglaublich viel geändert. Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt betrifft die unglaublich feine Rasterung der Mikrotonalität. In vielen Partituren ist der kleinste Schritt ein Viertelton. Auch das ist eine sehr grobe Vereinfachung dessen, was man auf den Bändern hört. Das lässt sich technisch erklären: In den 50er und 60er Jahren war die Notation von mikrotonaler Musik nicht besonders ausgereift.

 

Und wie verhält es sich mit dem Thema der Improvisation?

 

Viele Tonbänder dokumentieren Scelsis Improvisationen. Aber auf viele Bänder ist der Begriff Improvisation über weite Strecken einfach nicht zutreffend. Das sind Komplexitäten, vor allem hinsichtlich des mühsamen Aufnahmeverfahrens, die kann man nicht improvisieren. Die Sichtweise auf Improvisation und Konzeption betrifft also auch die Frage, wie Scelsi gearbeitet hat.

 

Welche Relevanz hat Scelsi heute?

 

Scelsi ist so relevant wie Schönberg oder Brahms oder Mozart relevant ist. Für mich ist das

überhaupt kein Unterschied. Aber ich denke, dass das Projekt auf jeden Fall in verschiedene Aspekte neue Beleuchtungswinkel hineinbringt. Erstens, was die Genese der Stücke anbelangt und zweitens das Thema des Urheberrechts. Es ist eine sehr spannende und zeitgemäße Frage. Auch die Vorgehensweise, wie wir im Projekt mit 'fremdem' Tonband-Material arbeiten und dieses als Inspirationsquelle verwenden und sogar zum Bestandteil von Stücken machen. Ich denke, das ist ein sehr zeitgemäßer Aspekt dieses Projektes.

Von Malte Kobel
07.08.2014

Am Samstag, dem 9., und Sonntag, dem 10. August, wird das Scelsi Revisited Projekt bei den Darmstädter Ferienkursen präsentiert. Uli Fussenegger, Kontrabassist beim Klangforum Wien, ist einer der Initiatoren des Projektes. Malte Kobel hat mit ihm gesprochen.