11.08.2014

Psychisches aus dem Lautsprecher

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Das Degem-Konzert bei den Ferienkursen 2014 (7. August)

 

Es blubbert, knarzt und quietscht aus allen Ecken – sind's Mäuse oder Aliens? In Clemens von Reusners „Rooms without walls" (2012) geht es recht unheimlich zu. Das Szenario des Stückes ist wie aus einem Thriller-Drehbuch. Eine Frau geht unsicher auf ihren Stöckelschuhen durch eine Tiefgarage.


Irgendwas trippelt in den Röhren über ihr. Ein Gefühl von Angst. Bei ihr? Unbehagen bei uns, sicher. Tiefe, hallende, bedrohlich Klänge dringen in unseren Körper. Von Reusners mauerloses Raumstück war eins von insgesamt sechs Lautsprecherstücken beim Darmstadt-Gastkonzert der Degem (Deutsche Gesellschaft für elektroakustische Musik) am 7. August in der Mornewegschule. Die anderen Werke stammten von Jan Jacob Hofmann, Simon Vincent, Ralf Hoyer, Marc Behrens und Frank Niehusmann. Alles sehr assoziationsreiche Stücke! Hörfilme, mal mit, mal ohne Plot. Nicht nur situativ-athmosphärischen Zitate von „öffentlichen Klängen", Geräusche aus der Welt, lassen das Ohr „sehen". In den meisten Stücken sind auch die elektronischen Sounds keine „unsichtbaren Klänge". Und das ohne real existierenden Bilder. Visuelle Vorstellungen kommen ganz von alleine. Aber jede ist anders, bei jedem.

 

Wie von Reusner beschäftigt sich auch Marc Behrens in „Irregular Characters" mit der Psyche des Menschen. Hier ist das Thema das gehörte Innenleben eines psychisch Kranken. Man hört einen Depressiven mit einer Schutzglocke über seinem Kopf umherlaufen. Gedämpft, träge, schwermütig tönen die rein elektronischen Klänge, manchmal unterbrochen von Geräuschen aus der Welt da draußen. „Irregular Characters" erzählt kleine Geschichten: Die Außenwelt des Kranken ist nicht weniger verrückt als seine Innenwelt. Da sind die gackernden Hühner, die auf eine Opernsängerin reagieren. Offenbar ein echter O-Ton, und von denen gibt es mehrere. Es ist so, als ob die Verrücktheit der Welt den Verrücken erst zum Verrückten werden lässt. Eine schmerzhafte Einsicht.

 

Marc Behrens „Irregular Characters" ist eine psychologische Musik. Als eine ganz und gar physikalische erweist sich hingegen Frank Niehusmanns „Top spin slices and returns". Schrillste, höchste Töne stapazieren das Ohr. Und die vielen Offbeats und Gitarrenverzerrungen erinnern an ein Rockkonzert – Tinnitus inklusive. Ganz anders wiederum Ralf Hoyers „Residual Risk". Nur ein Rauschen bewegt sich durch den Raum – mal oktaviert, mal lauter, mal leiser. Aus diesem Rauschen treten dann und wann Frequenzen, legen sich übereinander und beginnen zu schweben, wie ein fliegender Teppich – und das Ohr reist mit. Es gleitet in kosmische Sphären: Das Ohr ist ganz bei sich, lauscht und meditiert. Dann, plötzlich: Ein Störgeräusch. Die Welt dringt ein. Ein paar Sekunden Straßencafé.

 

Isabelle Wiltgen

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