12.08.2014

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Lecture am 11. August: Fabien Lévy: Die Kunst der Irreführung

 

Der neuen Musik wird oft vorgeworfen, sie sei zu kompliziert, zu intellektuell. In seinem Vortrag „Die Kunst der Irreführung" hält der Komponist Fabien Lévy ein Plädoyer für mehr Verständlichkeit in der Musik. Sie darf nie absichtlich kompliziert sein. Das heißt nicht, dass alles gut ist, was einfach zu hören ist. Gute Musik – das weiß auch Lévy, sollte keine Banalitäten akzeptieren, uns neugierig machen, uns kognitiv ansprechen. Zum Beispiel indem unsere Wahrnehmungsmuster verwirrt werden.


In welchen Schemen wir denken und hören – das sei kulturell bedingt. Wenn wir etwas hören, denken wir immer etwas anderes mit. Das nennt Lévy „kognitives Hören". Westliche Kunstmusik ist vom Logozentrismus, vom cartesianischen Denken geprägt – sie ist vernunftzentriert, rational. Eine Musik, die überrascht und irreführt müsste also eine Musik sein, die diese westliche Rationalität aufbricht. Eine Methode, das zu tun, wäre es, sich Musik aus anderen Kulturen zu bedienen. Wie zum Beispiel der Musik der Pygmäen mit ihren variationsreichen Rhythmen, ihrem komplexen metrischen System.

 

Oder die traditionelle Musik aus Rwanda. Sie spielen ein Stück Musik im Ambitus eines einzigen Intervalls. Da stellt man sich zunächst ja eine eher langweilige Musik vor. Interessant wird diese aber dadurch, dass sich innerhalb des Intervalls ständig irgendetwas verschiebt.

 

Wie funktioniert das? Lévy erklärt in seinem Vortrag viele Sachverhalte nicht genau. Immer wieder sagt er Sätze wie: „Du denkst, du verstehst etwas, aber du weißt nicht was", „Du denkst, es wäre ein Kanon, aber es ist nur eine Linie", „Du weißt nicht, wo du hinhören sollst, du bist verloren, die Stimmen wechseln und du kommst nicht mit." Die Musik führt den Hörer irre. Lévy verwirrt sein Publikum. Er erklärt die musikalischen Einzelheiten dieser Techniken sehr schnell, nicht jeder kann folgen. So wie die Musik, die er sich wünscht, ist auch sein Vortrag beides: kognitiv ansprechend und verwirrend. Wörter wie „Grammatologien" und „Dekonstruktion" sind vielleicht für Derrida-Spezialisten leichte Kost, der Laie denkt sich da aber nur: Da war doch mal irgendetwas im Philosophie-Unterricht... Oder: Du denkst, du verstehst etwas, aber du weißt nicht was.

 

Doch auch wenn vermutlich nicht jeder versteht, was er im Detail sagt: Lévy spricht mit solcher Begeisterung, dass es schön ist ihm zuzuhören: Seine Augen funkeln, er spricht mit den Händen. Zudem kommt er immer wieder zu der gleichen Idee zurück, die sich als roter Faden durch seinen Vortrag schlängelt: Die Kunst der Irreführung in der Musik besteht darin, unser kulturell geprägtes Ohr zu überraschen. So kompliziert ist es also gar nicht. Da kommen Fragen auf wie: Warum müssen in einem Orchester eigentlich die Streicher immer vorne sitzen? Das ist keine Selbstverständlichkeit. Lévy ändert in seinem Stück „pour orchestre" die Sitzordnung: Bläser und Harfe dürfen nun vorne sitzen – so klingt das Orchester ganz anders. Diese Komposition ist eins von vielen Beispielen, die Lévy nennt, um zu zeigen, wie er die Kunst der Irreführung beherrscht.

 

Bilanz des Vortrags: Sehr hoher kognitiver Anspruch, sehr große Verwirrung, eine große Herausforderung. Wir sind angeregt, überrascht, verblüfft. In der Gedankenwelt von Lévy ein ästhetisches Erlebnis also!

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