de en

Clemens Gadenstätter
Komponist

Wo liegen die Grenzen von Notation?

Notation ist zuallererst ein Reflexionsapparat. Schrift hilft und ermöglicht eine Reflexion am Klingenden (in der Zeit) und ist Grundlage für Kontextualisierungen und damit Basis jeglicher Transformation. Kontexte komplexer und devianter Natur sind durch die reflexive Leistung in und durch Notation wesentlich bestimmt. Hier ist die Verschriftlichung ohne Grenzen (außer denjenigen, denen man nicht entgehen will oder kann).

Verschriftlichung ist Mitteilung von Dingen, die nicht selbstverständlich sind. Jede deviante Struktur bedarf (wahrscheinlich) der Verschriftlichung, so sie von jemanden anderen interpretiert werden soll. Schriftformen haben die Möglichkeit, das durch das Kollektiv Gefestigte gleichzeitig zu thematisieren und zu transformieren. Das Spezifische muss auf spezifische Weise notiert werden. Das Notierte muss in spezifischer Weise verstanden und übersetzt werden. Diese Grenzen definieren Komponierende als Teil ihrer kompositorischen Arbeit.

Notation sind Anweisungen oder Vorschläge für sensible und hochausgebildete Menschen, diese in sinnvolle Verläufe des Klingenden umzusetzen. Die Grenze der Notation ist also weit jenseits der Musikerinnen und Musiker, weit jenseits der Komponierenden. Vielleicht gibt es keine Grenze der Notation, sondern nur eine solche des Verstehens der Notation. Das Mitgemeinte, das Mitschwingende, die Dimensionen, die berührt werden – all das muss verstanden werden. Dieses Verstehen ist ein Verstehen des Lesens, Interpretierens, Ver-Köperns, Zum-Klingen-Bringens, Mit-Sinn-Aufladens, Mit-Energie-Versorgens und so fort. Und dann entsteht am Ende (vielleicht) Musik.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontext, in dem Ihr Stück aufgeführt wird (?

Alles kann überall gehört werden (solange ich es hören kann). Ich werde aber überall etwas anderes hören. Würden unsere Stücke ständig überall gespielt, und Neue-Musik-Hören wäre nicht tendenziell ein herausgehobener, hart erarbeiteter Moment der Konzentration: dann würde ich sagen – nein, es ist auch schön in einer Bar diese Musik zu hören, ein anderes Hören allerdings als in einem Kammermusiksaal – wird dann auch eine andere Ebene des Stückes gehört werden.

Pragmatisch gesprochen ist es aber anders, und so will ich doch in den Momenten des Hörens meiner und meiner Kolleginnen und Kollegen Musik möglichst beste Bedingungen für das jeweilige Stück erarbeiten. Auch das geht nicht immer, klar. Jedes Stück definiert seine ureigenen Bedingungen im Idealfall, und es ist ja immer ein Teil der Wahrnehmung der Musik, dieser Kontext, indem sie erklingen möchte und manchmal auch erklingt.

Wenn ich es mir aussuchen kann, wäre es natürlich am schönsten, den Kontext mit in die Stücke aufzunehmen und in und mit ihnen zu komponieren. Weil ich dann auch an der Präsentationsform arbeiten kann. Das wird und wurde schon seit mehr als hundert Jahren getan, hat allerdings seine Grenzen (durch den „Betrieb“ und durch einfache Gegebenheiten wie Besetzungsgrößen definieren Raumgrößen u.ä.. So versuche ich, im Stück seine Form auch zur Präsentationsform zu machen, so weit, wie ich es im jeweiligen Fall eben treiben kann oder will. Und noch viel wichtiger ist mir, dass die Stücke die Präsentationsformen, denen wir uns ergeben müssen, bearbeiten, sie als Material auffassen und an ihnen arbeiten.

Ist Musik Wissenschaft? Warum (nicht)?

Komponieren ist eine transformativ-anthropologische Forschung mit (hauptsächlich) akustischen Mitteln. Komponieren ertastet nicht das was ist und interpretiert es, sondern ertastet das was sein könnte durch konzeptualisierende Transformation dessen, was ist (oder wir so wahrnehmen). Komponieren ist die Erforschung des Erlernten und so auch normierten Hörens durch die Bewegung der Öffnung zu dem sonst noch Möglichem. Komponieren ist eine Erforschung der Energien des Kollektiven (Befestigen, Machtvollen, Repressiven) und derjenigen Energien, die Empfindungen jenseits der vermittelten, gesteuerten, kauf- und verkaufbaren suchen. Das muss nicht immer gelingen, aber die Versuchsanordnung sollte jedenfalls in diese Richtung weisen. Das teilt das Komponieren mit der Wissenschaft.

Website

Seite drucken
© ️Stefan Fuhrer