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08.08.2014

Curious Ears Abroad - eine Fragestellung

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Bereits die Allergiker-Warnung am Eingang, dass Walnüsse zum Einsatz kommen werden, belebt das Interesse. Die Besucher passieren allmählich das Schild und betreten neugierig den Saal. Die Curious Chamber Players aus Schweden spielen ihr Konzert mit dem Titel „Curious Ears Abroad" und es wird ein vielfarbiger und spannender Mix versprochen.


Worauf beziehen sich jedoch diese „neugierigen Ohren"? Ist Neugierde als Aufforderung oder als Feststellung gemeint? Handelt es sich um Neugierde aus Sicht des Ensembles oder des Zuhörers? Was erwartet das Publikum in einem Konzert, das curiosity propagiert?

 

Zumindest ein selbstgesetztes Vorhaben: immer neugierig zu bleiben.

 

Nachdem man seinen Platz gefunden hat, schweift ein erster neugieriger Blick die Bühne. Diese ist überspannt mit einem Netz, daran hängend aufgeblasene braune Plastiktüten, sich sanft wiegend in der Luftzirkulation. Es herrschen gespannte Spekulationen im Zuschauerraum, denn der Programmhefttext besteht nur aus einem einzelnen Satz: „...float like a butterfly and sting like a bee." Shadowbox von Hanna Hartman bedient sich unterschiedlicher Gegenstände zur Geräuscherzeugung: Eierschalen werden zerbröselt, Tüten zerplatzt, Nüsse geknackt. Die Performer schreien und stöhnen, es wird noch mehr geknallt. Nach einem letzten Nüsseknacken endet das Stück. Die Bühne – ein einziger Saustall. Der Beifall – gemäßigt.

 

Mit einem längeren Blick in das Programmheft, stellt sich die Frage: Wie viel Information braucht die Neugierde? Manchmal scheint eine minimale Angabe genug Spannung zu erzeugen. Andere Texte sind wesentlich umfangreicher, geben konkrete Höranweisungen. Welchen Einfluss hat das auf die Neugierde? Die ausschweifende Werkbeschreibung zu Anchor me to the land, eine Uraufführung von Ann Cleare, schafft bereits eine gewisse Hörerwartung: Neun Musiker werden unterteilt in drei kleine Ensemblegruppen, die sich gegenseitig reflektieren und kontrastieren. So die Theorie. In Wahrheit wird das ganze Spektrum moderner Spielweisen auf vorwiegend Haltetönen angewendet. Hektisches Wabern, inklusive der Königin der Instrumente, der Melodica. Die Neugierde ist bereits auf das nächste Stück gewidmet.

 

Ist mit Neugierde vielleicht überhaupt nicht die des Publikums gemeint, sondern die Sicht der Musiker? Das Experiment mit Klangerzeugung und neuen Herausforderungen? Für die zweite Uraufführung des Abends, der Lemminkäinen Suite von Hikari Kiyama, wurde eine komplette Heldenmythologie abgedruckt. Bedarf es einer solchen Kenntnis? Die Suite wurde als „noiselastig" angekündigt, das Versprechen gehalten. Unerträgliche Hektik auf der Bühne, konstantes Instrumentewechseln, Klebestreifen werden von einer Box gerissen, hohe Töne, hektisches Spiel und vor allem Lärm. Dazwischen aufgeschrecktes, angsterfülltes Vogelgezwitscher. Wo bleibt der Bezug zur Lemminkäinen-Mythologie?

 

Wie steht es um die Neugierde der Komponisten, wenn sie im Zuschauerraum sitzen oder die Bühne berteten? Welche Reaktionen erhoffen, erwarten sie? Simon Løffler, dem mit seiner Komposition b die Verschmelzung von Körpern zu einem einzigen Instrument gelungen ist, erhält viel Beifall. Drei Musiker bedienen Gitarrenpedale und einen Klinkstecker als eine vernetzte Einheit in einem konzentrierten Spektakel. Klänge von Underground-Noise und Industrial werden erzeugt und scheinen nicht nur Fans von verzerrten Gitarrensounds anzusprechen.

 

Welche Rolle spielt aber die Erwartungshaltung dabei? Erwartungen machen neugierig, denn man kann mit ihnen spielen, sie reizen und herausfordern. how long is now, eine politische Komposition von Malin Bång, bedient sich dieser Wirkung. Die Inspiration: Berliner Bautransformationen, der Fokus: Kunstabbau und Gentrifizierung. Repräsentative Objekte stehen auf der Bühne als Symbole und Teil der Performance. Eine Stimme aus den Lautsprechern textiert die politischen Hintergründe, Drachen flattern im Föhn, Schaufensterpuppen werden enthüllt und eine Metallskulptur als Klangquelle missbraucht. Lärm, Performance, Dramatik. Und viel Berliner Attitüde. Die Umsetzung jedoch wirkungsvoll.

 

Neugierde auf neue Klänge, auf akustisches Neuland ist ebenso ein wichtiger Aspekt. Operator von Marianthi Papalexandri-Alexandri konzentriert sich auf ein innovatives Klangspektrum. Das Ziel: die Performer sollen „proaktiv" hören, ohne Noten, mit akustischen und motorbetriebenen Instrumenten. Der Klang: quasi elektronisch. Die Komponistin erntet viele Zustimmungsrufe.

Aber was ist das Resultat? Hören bewusst neugierige Ohren anders? Definitiv eine interessante Fragestellung.

08.08.2014

Bereits die Allergiker-Warnung am Eingang, dass Walnüsse zum Einsatz kommen werden, belebt das Interesse. Die Besucher passieren allmählich das Schild und betreten neugierig den Saal. Die Curious Chamber Players aus Schweden spielen ihr Konzert mit dem Titel „Curious Ears Abroad" und es wird ein vielfarbiger und spannender Mix versprochen.