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12.08.2014

Scelsis Bänder neu aufgerollt

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Es mache ihn krank, Klang zu verschriftlichen. So lapidar wäre Giacinto Scelsis Antwort auf die Frage gewesen, die ein Zuhörer nach dem Konzert in der Böllenfalltorhalle am Samstag stellte: Warum hat Scelsi seine Stücke nicht notiert, wie es Komponisten jahrhundertelang getan haben?


Kein anderer Komponist hat den Schritt an der Schriftlichkeit vorbei, direkt von der Klangvorstellung zur Klangerzeugung so radikal vollzogen wie er; kein anderer Komponist hat der Musikforschung in den letzten 30 Jahren so viele Rätsel aufgegeben wie er. Zu Lebzeiten machte er sich durchaus rar, Bilder gibt es deshalb kaum, und nach seinem Tod am 08. 08. 1988 (in der Hausnummer 8 der Via San Teodoro in Rom) begannen sich schnell Mythen um die Persönlichkeit des Conte Giacinto Francesco Maria Scelsi d'Alaya Valva – so sein voller Name – zu ranken.

 

Auf einer Ondiola, einem Vorläufer der heutigen Synthesizer, improvisierte er stundenlang, meditierte, zelebrierte den Einzelton in allen seinen Farben und Schattierungen. Sein Spiel zeichnete er mit Tonbändern auf, das Ausarbeiten seiner Partituren überließ er dann seinen weit weniger bekannten Assistenten. Eigentlich eine revolutionäre Idee, die zu einem Paradigmenwechsel hätte führen können ...

 

In der Scelsi-Stiftung in Rom wurden diese Tonbänder bis 2009 mehr oder weniger unter Verschluss gehalten. Schon im Jahr darauf begann der Kontrabassist Uli Fussenegger den Bestand des Archivs zu sichten: Etwa 180 unbeschriftete (!) Bänder mit insgesamt 700 Stunden Musik hat Scelsi hinterlassen. Von vielen weiß man bis heute nicht, ob und wie sie Eingang in eine Partitur gefunden haben – ja nicht einmal, in welche Richtung und mit welcher Bandgeschwindigkeit sie abgespielt werden sollten. Fussenegger war aber fasziniert vom künstlerischen Potential dieser Klangdokumente und ersann deshalb das Projekt „Scelsi Revisited".


Und so wurden Kompositionsaufträge an sieben KomponistInnen aus mehreren Ländern und Generationen vergeben: Fabien Lévy, Michael Pelzel, Nicola Sani, Tristan Murail, Georg Friedrich Haas, Michel Roth und Ragnhild Berstad, die sich mit dem historischen Material auseinander gesetzt und sieben neue Werke geschrieben haben. Am vergangenen Wochenende fand das Projekt seinen Höhepunkt und vorläufigen Abschluss: Im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse wurden sechs der sieben Stücke vom Ensemble Klangforum Wien unter Sylvain Cambreling aufgeführt. Nicola Sani, dem ehemaligen Leiter der Fondazione ist seine Begeisterung für die Aura der verrauschten Tondokumente deutlich anzumerken, wenn er resümiert: „Das Risiko eines solchen Projekts war, dass wir sieben mehr oder weniger gleiche Stücke erhalten, Orchestrationen eines bestehenden Klangmaterials. Das ist nicht der Fall, alle Komponisten haben auf ihre Art reagiert."


Die beiden Konzerte waren in ein internationales Symposium eingebunden: In abwechslungsreichen Vorträgen wurden nicht nur detailreiche analytische Einblicke in die neuen Kompositionen gegeben, sondern auch der alte Diskurs über Scelsis Art zu „Komponieren" – er selbst verstand sich nicht als Komponist – noch einmal aufgerollt und neu befeuert. Wie besonders die klangphilologische, „forensische" Forschung des Grazer Instituts für elektroakustische Musik (IEM) eindrucksvoll belegt, muss das bis heute weit verbreitete Bild der Kompositionen Scelsis als intuitiv, spontan und improvisiert doch stark relativiert werden: Mittels klangspektrographischer Analysen gelang es den Forschern Robert Höldrich und Christian Schörkhuber, zumindest ansatzweise die Entstehung einiger Bänder zu rekonstruieren und so ihre absichts- und planvolle Gestaltung nachzuweisen.


Einen analytischen Zugang zur Klangwelt Scelsis suchte auch Fusseneggers vierköpfiges Ensemble mit seiner Gruppenimprovisation, aber mit künstlerischen Mitteln – sehr persönlich, fast körperlich. Mit Kontrabass, Posaune, Kontrabassklarinette und E-Gitarre tasteten sich die Musiker nach und nach an Fusseneggers elektronischen „Scelsi-Remix" heran und konnten die klangliche Differenz zwischen Material und Aneignung so völlig aufheben.

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