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12.08.2014

Kunst als ethisches Konzept

BLOG

Lecture von Mario de Vega – Electromagnetic pollution, human perception and biopolitics

 

Folgendes Szenario: Wie jeden Abend wird das Handy an das Akkuladegerät angesteckt. Plötzlich bricht ein dichtes Gewirr aus roten Fäden aus Steckdose und Handy, breitet sich immer weiter aus, rankt an einem empor und schließt zuletzt den ganzen Körper in sich ein. Ein irres Bild aus einem Horrorstreifen? Nein, die Realität, so wie sie um uns herum existiert, aber nicht sinnlich wahrgenommen werden kann.


Das dichte Gewirr aus roten Fäden ist die „elektromagnetische Verschmutzung" die bei der Nutzung unserer Mobiltelefone entsteht, das Bild mit den roten Fäden eine Arbeit des mexikanischen Künstlers Mario de Vega. Er hat diese Fäden, die uns alle pausenlos umgeben, auf einer Fotografie visualisiert. Sie sind an diesem Montag Nachmittag das Thema seiner Lecture, die er „Electromagnetic pollution, human reception and biopolitics" betitelt hat.

 

Die Realität, die uns umgibt, die aber eben nicht wahrgenommen wird, in unser Bewusstsein rufen, das ist die schon fast humanistisch anmutende Aufgabe, der sich Mario de Vega gerade stellt. Den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit im Umgang mit elektronischen Geräten herausführen. Oder zumindest die Erkenntnis schaffen, dass sich unsere Welt in den letzten 25 Jahren gewaltig verändert hat, nicht nur im sinnlich erfahrbaren Bereich. Die gesamte Infrastruktur der weltumspannenden Telekommunikationsnetze existiert erst ein Milliardstel-Sekündchen der Erdgeschichte und hat unsere Umwelt doch in kürzester Zeit auf eine nicht sichtbare Weise „zugemüllt", die man sich kaum vorstellen kann. Was diese Menge an elektromagnetischen Signalen ad infinitum über kurz oder lang für die Menschheit zu bedeuten hat, ist noch nicht mal ansatzweise hinreichend erforscht worden. Schlagwörter, die de Vega in seinem Vortrag immer wieder fallen lässt – Verschmutzung oder Krebs zum Beispiel – geben allerdings einen Einblick in seine Perspektive: eher düster.

 

Mario de Vega versucht nun allerdings nicht, die Strukturen der elektromagnetischen Wellen lediglich zu analysieren, daraus Klänge abzuleiten und diese dann als Kunst zu präsentieren. Auf dem Weg von der Idee zur Werk schiebt er noch einen Zwischenschritt ein: Er versteht sich als naturwissenschaftlicher Forscher, der die Freiheit und die Bühne der Kunst nutzt, um seine Ergebnisse wortwörtlich materialisieren zu können. Die roten Fäden sichtbar machen.

 

Den Fundus an Ideen und Materialien zur Auseinandersetzung mit seinem Thema Elektrosmog entwickelt er dabei nicht komplett eigenständig. Vielmehr ist sein Projekt, das unter dem Namen r-aw.cc im Internet großzügig dokumentiert ist, auf Zusammenarbeit ausgelegt. De Vega gibt den Kontext vor, das Betätigungsfeld, dem er durch seine Reptutation als Künstler Gehör und eine Bühne schaffen kann. Dann folgt der Aufruf an Menschen in der ganzen Welt: Bringt euch ein! Egal aus welchem Hintergrund ihr kommt, was euch an diesem Thema interessiert – macht es, hier bei mir. Ich stelle euch meine Erfahrung mit dem Thema zur Verfügung, egal ob es um organisatorische oder künstlerische Dinge geht. Untersucht, was auch immer ihr wollt. Forscht in Biologie, Physik, Metaphysik, Medienkunst, Musik, bildender Kunst, aber forscht, forscht, forscht, setzt euch mit dem noch nicht Sichtbaren auseinander und materialisiert es – so sein Credo.

 

Die Materialisierung dieser Auseinandersetzungen dokumentiert de Vega in Ausstellungen und auf der angesprochenen Website, auch ein Buch ist geplant. Vielleicht ist es dieser Moment der Dokumentation, in dem die dünne Kontur zwischen Forschung und Kunst verwischt. Die Ergebnisse sind reichhaltig, von Mikrowellengeräten, die durch elektromagnetische Prozesse zum explodieren gebracht werden, bishin zur fotografischen Dokumentation der sogenannten „Zomby-Contemporary-Society", die in jeder freien Minute an ihrem Smartphone hängt.

 

Trotzdem sind diese Ergebnisse für de Vega an diesem Dienstag Nachmittag weniger relevant. Es geht ihm nicht um Präsentation seiner selbst oder seiner Kunst. Der Vortrag ist reichhaltig bebildert, aber fast ungeduldig klickt de Vega ein ums andere mal zur nächsten Folie. Er will den Fokus nicht auf ein „Werk" legen und dieses erklären. Nur auf diese eine Sache, auf den Elektrosmog, will er unbedingt aufmerksam machen, und dann ist es an den Menschen selbst, sich damit auseinanderzusetzen. Ein bisschen wirkt Mario de Vega dabei wie ein altruistischer Weltenretter. Und vielleicht geht es ihm in seiner Kunst auch um gar nichts anderes, als um die Rettung der ganzen Welt.

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