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12.08.2014

Räumliche Hörerfahrungen in der Centralstation

BLOG

Das ensemble mosaik versucht sich an einem audiovisuellen Konzertformat

 

Im Programmbuch, im Programmheft, auf einem zusätzlichen Flyer, überall wird es angepriesen – das Transduktionenkonzept. Transduktion – ein Begriff aus den Naturwissenschaften, speziell aus der Biologie, der im Zusammenhang mit dem Konzertabend eine Verbindung von Klang- und Musikprojektion betitelt. Das ensemble mosaik möchte gemeinsam mit dem Filmkünstlern Distruktur unter der künstlerischen Leitung von Thomas Fiedler und Bettina Junge die Beeinflussung auditiver Wahrnehmung durch visuelle und virtuelle Reize erproben.


Drei Bühnen erwarten das Publikum, je eine an den zwei Stirnseiten des Saals, eine kleine Podestbühne – mittig, über ihr eine Traube aus Lautsprechern. Die Bühnenkonstellation erscheint schlicht – geradezu enttäuschend, besonders vor dem Hintergrund der so vielfach thematisierten Raumkonzeption, die das Konzert überschattet. Vier Bildschirme schweben im Raum, mit ihren Kanten diagonal in die Ecken des Saals ausgerichtet. Auch vier große goldene Gongs schimmern im gleißenden Licht. Leise säuseln zarte, zaghafte und abrupt unterbrochene Orchesterklänge aus den Lautsprechern. Schwarze Plastiktonnen als bewegliche Sitzgelegenheiten, auf denen jeder den Fokus nach Belieben wählen kann. Die Besucher gieren nach Sitzplätzen. Es bildet sich ein Gedränge – Stau am Eingang. Fast jeder, der keinen Sitzplatz ergattert hat, macht es sich auf dem Boden gemütlich. Alle Gänge werden bevölkert. Kein Durchkommen.

 

Das Ensemble bahnt sich mühsam einen Weg zur größten Bühne im Saal, jene welche vorne an der Wand fest im Saal installiert ist. Schließlich eröffnen Clemens Gadentsätters „Sad Songs" das Konzert. Piepsende, surrende, schnalzende Klänge, begleitet von Gitarrenglissandi werden entfacht, kaum hörbar – schon ersticken sie wieder. Gleichzeitig erscheinen Fotos der Instrumentalisten auf den Bildschirmen. Plötzlich bricht die so verhaltene, stockende Musik aus. Die Klänge steigern sich in ihrer Intensität, überschlagen sich und lassen schließlich eine Kommunikation zwischen Live-Musik und Zuspielung entstehen. Die Interaktion ufert aus – dialogische Passagen überlagern sich, die Musik wird vielschichtiger. Auch die Videoprojektionen kommen in Fahrt, erstarren jedoch immer wieder.

 

Räumlich völlig losgelöst vom zuvor erklungenen Werk, wird der Fokus nun auf die mittlere, kleine Bühne gelenkt. Lediglich die schwarzweißen Videoprojektionen, die wasserähnliche, dickflüssig gleitende Texturen im Wechsel mit den im Ansatz bereits bekannten Videoaufnahmen der musizierenden Interpreten zeigen, schaffen eine Verbindung zu Mark Bardens Stück „viscosity" für verstärktes Streichtrio. Es herrscht eine intime Atmosphäre – nahezu Stille im Publikum. Die Musiker lassen fragile Klanggebilde erahnen, spannungsvolle Momente, die immer wieder vom Bierflaschengeklimper oder einzelnen Hustern unterbrochen werden. Finger gleiten über die Saiten, es wird in oder auf den Instrumentenkorpus gepustet. Die Laute werden mit einzelnen Pedalen individuell verstärkt. Die Klänge werden über die Lautsprecher durch den Raum geschickt, endlich wird der Hörraum erfahrbar. Ein Tremolo auf den Klangkörpern der Streichinstrumente steigert sich – verhallt langsam. Die Videoprojektion zeigt eine Frau von hinten in einem dichten Wald. Sie setzt sich Kopfhörer auf. Das Publikum hört Vogelgezwitscher über die Lautsprecher.

 

Da gab es doch dieses Raumkonzept? Diejenigen, die nicht darauf kommen, sich einfach auf der Sitzfläche zu bewegen, drehen ihre Plastikhocker mit einem Schaben und Klappern um 90 bis 180 Grad. Jedes der drei Werke bespielt nur eine der drei Bühnen. Pro Stück eine individuelle Bühne. Das Raumkonzept, welches den gesamten Konzertabend überspannt, wirkt in der Umsetzung bisher durchlöchert. So viele Möglichkeiten, die der Raum bietet, scheinen verschenkt, nicht aufgegriffen.

 

Das Ensemble versammelt sich hinter einer langen Tafel am Saaleingang. Hier sind über dreißig Flöten, jeweils verbunden mit Föhnkörpern, die im Verlauf des Stücks computergesteuert werden und die Ensembleklänge modifizieren, aufgereiht. Luftige Geräusche, gepresste, unterdrückte, ploppende Klänge – vorwiegend von einer Klarinette, erfüllen den Raum. Mauro Lanzas und Andrea Valles Uraufführung wird von Naturaufnahmen – im Wind wiegenden Grashalmen und Blüten auf den Bildschirmen begleitet. Abschnittweise konjugiert sich das Stück durch botanische Bezeichnungen, die durch kurz eingeblendete Überschriften auf den Monitoren eingeläutet werden. Der reine Ensembleklang und die Zuspielungen gehen in ein Wechselspiel über, welches schließlich auch eine direkte Kommunikation zwischen den beiden Ebenen zulässt. Die Klänge erschöpfen sich.

 

Ob das Raumkonzept funktioniert hat, bleibt zu bezweifeln. War der Raum zu voll für Bewegung zwischen den einzelnen Bühnen? Waren die Aktionen einfach zu starr und bis auf die Zuspielungen zu stark auf einen Ort konzentriert, sodass das Publikum kaum zum Bewegen animiert wurde? Welchen Zweck hatten die Videos für das Raumkonzept?

 

Ein intermediales Raumkonzept funktioniert nicht automatisch sobald Bühnen minimal außergewöhnlich angeordnet und Bildschirme im Raum schwebend installiert werden.
Die Verknüpfung von visuellen und akustischen Aspekten war allein durch die Perspektiven von vielen Plätzen kaum möglich. Da wäre vermutlich weniger Bestuhlung und ein umtriebigeres Publikum vorteilhaft gewesen, um die Raumkonzeptideen als Besucher genauer erforschen und bewerten zu können. Das im Programmheft formulierte Ziel die Wahrnehmung des Phänomens Musik durch den Einsatz von Filmbildern zu vergrößern und verstärken ist jedenfalls nicht geglückt.


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