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12.08.2014

Die Crux sprachbasierter Bemühungen zum Verständnis von Musik

BLOG

Eine Lecture von Philipp Blume

 

Der Titel des Buches „Eleganter Unsinn" von Alan Sokal und Jean Bricmont ist eine treffliche Umschreibung über das diffuse Problem wissenschaftlicher Theorien als Grundlage für musikalische Analyse. In der Geschichte der Postmoderne gab es häufig das Problem, Naturwissenschaft zur Veranschaulichung von Musiktheorien zu verwenden. Auch Philipp Blume bediente sich in seinem Vortrag „Eins, Zwei, Viele" einer solchen Herangehensweise, um dichotome Strukturen in unserem Denken anhand von neurologischen Strukturen zu veranschaulichen. Seine komplexe These stützte er auf einen vereinfachten Aspekt der Neurologie, der besagt, dass eine Nervenzelle nur zwei Zustände kenne: Entweder schickt sie einen Impuls oder nicht.


An oder aus - wie ein Lichtschalter. Er führt diese Anschauung noch weiter bis in die Hirnregion „Amygdala" fort, die laut Philipp Blume nur die beiden Komponenten Angst und Nicht-Angst kennt. Leider wurde diese Aussage bereits in der anschließenden Diskussionsrunde in Frage gestellt. Wer hätte auch ahnen können, dass sich im Publikum zwei Neurowissenschaftler befanden ...

 

Aber zurück zu den Fakten: Anhand von entsprechenden Werkbeispielen wollte Philipp Blume aufzeigen, dass die dichotome Denkweise durch Musik aufgeweicht werden kann. Welche Notwendigkeit dafür besteht, blieb zunächst relativ unklar. Von seinen Thesen und Beispielen springt er häufig abrupt in neue Themengebiete und lässt den Zuhörer ein wenig zusammenhanglos in der Schwebe. Dieses sprunghafte Denken ist schon zu Beginn seines Vortrags präsent: Als Ausgangspunkt diente ein Vergleich von Mathias Spahlinger und Chaya Czernowin, deren gegensätzliche Denkmuster er am Beispiel von Werkkommentaren aufzeigte. Im direkten Anschluss formuliert er seinen Ansatz, dass unser Denken und Wissen von einem Dualismus geprägt ist, der sich nicht nur auf das künstlerische, sondern auch auf unser tägliches Verhalten auswirkt.

 

Seine Argumentation stützte er darauf, dass das dichotome Denken etwas neurologisch Gegebenes sei. Und hier kommt der Bezug zur Musik ins Spiel, dass diese nämlich als Gegenagent arbeitet und diese Strukturen auflöst. Dafür müsse man als Alternativen „Mono-, Tri- und Polychotomien" kultivieren. Ein „Zusammenfall der Gegensätze" wäre eine solche Alternative. Als Beispiel wird ein Werk von Dror Feiler, dessen Titel der Referent nicht mehr wusste, und Robin Hoffmanns Œhr vorgestellt. Philipp Blume geht es bei beiden Stücken nicht mehr ums eigentliche Hören, sondern nur noch um den Druck, der an die Ohren dringt. Es besteht also ein physiologisches Phänomen, das nicht mehr den Klang, sondern nur noch die Hörempfindung in den Vordergrund stellt. Dabei funktionieren beide Stücke gleichermaßen, obwohl sie gegensätzliche Parameter einer Skala verwenden: Lärm und Stille. Ein anderer Parameter ist Vorder- und Hintergrund, den er am Beispiel von Michael Finnissys Red Earth erklärt: In eine Klangfläche dringt eine sehr fragile und leise Oboe ein und wird augenblicklich als Vordergrund wahrgenommen. Um seine Gedanken zu demonstrieren wählte Blume viele interessante und entdeckenswerte Klangbeispiele aus, die er mit viel Enthusiasmus ankündigte. Leider war der Zusammenhang, um welche „Alternativen zur Dichotomie" es sich mit diesen Werken handelte, dabei oftmals nicht ganz nachvollziehbar.

 

Letztendlich schien sein Ansatz ein gebautes Modell zu sein, um über Musik zu sprechen und gegensätzliche Werkstrukturen, die aber einen gleichen Effekt aufweisen, aufzuzeigen. Seine Beispiele waren allesamt gut gewählt und in sich verständlich, schienen aber häufig aus dem übergeordneten Zusammenhang gerissen, seine Denkweise oft zu komplex und sprunghaft – vereinfachend „Eleganter Unsinn". Besonders deutlich wurde dies, als in der Diskussionsrunde ein Neurobiologe das Wort ergriff und erklärte, dass man eine „Dichotomie des Denkens" nicht auf eine Dichotomie der Aktionspotenziale in den Nervenzellen zurückführen könne, da es dort durchaus lineare und nichtlineare Überlagerungen gebe. Anschließend ergänzte ein Neurophysiologe, dass auch die Amygdala keinesfalls so einfach aufgebaut sei, dass sie nur die Zustände „Angst" und „Nicht-Angst" kenne, sondern dass dort sehr komplexe Strukturen ablaufen. Welche Auswirkung hat diese Widerlegung nun aber auf Philipp Blumes Ansatz? Keine grundlegende, wenn man es genau betrachtet, da die übergeordnete wissenschaftliche Theorie für die eigentliche Botschaft oft überhaupt nicht notwendig war. Andererseits, wenn Blume in seiner Denkweise solch komplexe Ansätze braucht, um einem Spahlinger, Varèse und Stockhausen näher zu bringen, warum nicht? Als Reaktion auf die Widerlegung seiner neurologischen Vereinfachung, korrigierte er seinen Ansatz jedenfalls dahingehend, dass man einfach sagen könnte, der Mensch denkt faul. Ohne Zweifel, die verständlichste These des Nachmittags.

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