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15.08.2014

Der Komponist als Maßschneider

BLOG

Das Ensemble Nikel bei den Darmstädter Ferienkursen

 

In einer Maßschneiderei bin ich noch nie gewesen, habe mir nie einen Anzug schneidern
lassen. Meine Faszination für den personalisierten Schnitt kommt wohl eher aus schicken
Gangster-Filmen. Aus Szenen, in denen Männer bei der Anprobe zu sehen sind und
vermessen werden. Perfekt sitzen die Anzüge auf ihren Körpern. Zum erweiterten
Körperbefinden werden die Kleidungsstücke dann; zum Selbst der Protagonisten.


Das Nikel Ensemble kleidet sich ebenso wie meine Gangster-Helden. In der Centralstation
am Mittwochabend, den 13.08., erklangen Stücke, die dezidiert für vier Nikel-Musiker
maßgeschneidert wurden, für ein Ensemble, das aufgrund seiner Besetzung an eine Band
erinnert: Schlagzeug, Gitarre, Saxophon, Klavier. So Michael Wertmüllers Skip A Beat, das
die Virtuosität der Musiker zur Grundlage des Stückes macht. Im Sekundentempo
wechseln die Stilistiken der präsentierten Musik und werden collageartig
aneinandergeheftet: Jazz, Rock, Minimal Music, barocke Klänge, zwischendurch wird der
Jazz mal freier, mal seichter, der Rock tendiert zum Metal oder zum Punk. Man spürt, dass
die vier Musiker in ihren jeweiligen Stilistiken mit ihrem Instrument vertraut sind. Skip a
beat ist ein widersprüchliches Stück, blitzartig wechseln Genres und Spielarten
miteinander, es ist eine rhythmisch komplexe, fast akrobatische und kompromisslose
Musik.

 

Weit weniger dicht ist die Komposition Sgorgo Y von Pierluigi Billone, das eigens für die
linke Hand des Nikel-Gitarristen Yaron Deutsch geschrieben wurde. Im ständigen Dialog
befinden sich linke Hand und der Nachhall der E-Gitarre, der bei jeder kurzweiligen Pause
den Raum ausmalt: die Gitarre als Prothese des Körpers. Auch hier verschmelzen
Komposition, Instrument und Interpret, selbst wenn das ausdifferenzierte Feedback immer
wieder über die Impulse der linken Hand hinüberfährt und diese gewissermaßen zum
Schweigen bringt. Sgorgo Y ist auch ein Spiel von akustischer Nähe und weniger
greifbarer Ferne, die stets gemächlich aus dem Verstärker tönt. Aufgrund der einfarbigen
Klangfläche wird das Stück bald eine meditative Übung, nicht zuletzt aufgrund der Länge
von fast 25 Minuten. All das würdigt das Publikum mit regem Applaus.

 

Für die Uraufführung von Flesh+Prosthesis #0-2 komponiert Stefan Prins seinen Applaus
gleich mit in das Stück hinein. Hier jedoch kommt er vom Band, gehört zur Komposition
hinzu und wird so zum Stück im Stück. Die Musiker agieren mit diesem Zuspielen, sind
entweder selber Spieler oder Pausierende. Wenn das Ensemble in diesen unbewegten
Zuständen harrt, verkörpern sie das nervenaufreibende Warten auf den trägen Computer.
Prins thematisiert die Hybridisierung von Körper und Technik.

 

An sich ist es nichts Bemerkenswertes, wenn Komponisten Auftragswerke für spezielle
Ensembles und Orchester schreiben. Im Fall des Ensemble Nikel jedoch ist es gelungen,
das individuelle Können und auch Körperliche der Musiker mit in die Komposition zu
integrieren und dies sogar als Grundlage zu nutzen. Somit werden die Musiker
untrennbarer Teil des Stückes, ihnen wird im übertragenen Sinne die Komposition auf den
Leib geschneidert. Sie sind Klang-Körper. So stelle ich es mir vor, wenn ich eines Tages
dann doch selbst zu einem Maßschneider gehe, ihm meinen Körper anvertraue und in
einem neuen Anzug, einem neuen Selbst den Laden wieder verlasse.

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Von Malte Kobel
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