Darmstädter Ferienkurse 2016: Programmschwerpunkte

70 Jahre: 1946 – 2016
Internationale Ferienkurse für Neue Musik (29. Juli bis 14. August 2016)

 

Music in the Expanded Field

Zeitwirbel, Zeitstrudel – vortex temporum: Die richtige Metapher für das Eröffnungsprojekt der 48. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 2016, aber auch ein treffendes Bild für die ereignisreiche Geschichte einer der weltweit wichtigsten Plattformen für die Musik unserer Zeit. Seit 70 Jahren gibt es die Darmstädter Ferienkurse – 1946 wurden sie vor den Toren der damals völlig zerstörten Stadt zum ersten Mal auf Schloss Kranichstein veranstaltet. Sieben Jahrzehnte Darmstädter Ferienkurse – das bedeutet auch: sieben Jahrzehnte mitgestaltete Musikgeschichte. Nahezu alle bedeutenden Namen der Musik nach 1945 sind mit Darmstadt verbunden, ebenso wie die ästhetischen Debatten und zum Teil heftigen Kontroversen über Gegenwart und Zukunft des Komponierens.


Wenn Anne Teresa De Keersmaekers Version von Gérard Griseys Vortex Temporum die Darmstädter Ferienkurse 2016 eröffnet, gastiert das aktuelle Erfolgsstück der gefeierten belgischen Choreografin zum ersten Mal überhaupt bei einem Musikfestival: eine atemberaubende Arbeit für ein Ensemble aus Musikern und Tänzern und eine knapp einstündige künstlerische Reflexion darüber, wie sich Zeit im Raum verdichtet und entfaltet, um in einem choreografischen Kontrapunkt den Klängen, Gesten, Bewegungen und der Dynamik des Raums eine Gleichwertigkeit und Unabhängigkeit zu gestatten. Grisey zählt zu den einflussreichen Figuren der Darmstadt-Geschichte und sein Stück Vortex Temporum (1996) zu den Marksteinen der Spektralmusik.

 

Dieser aktualisierende Zugriff auf die neuere Musikgeschichte, wie er sich in De Keersmaekers Vortex Temporum manifestiert, setzt den Startpunkt für eine Reihe künstlerisch sehr unterschiedlicher Projekte, die auf das 70-jährige Jubiläum der Ferienkurse Bezug nehmen. Dabei geht es weniger um ein Feiern des Gewesenen, als um künstlerische Antworten auf die Darmstadt-Geschichte und das in den letzten Jahren umfangreich digitalisierte Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD): In dem großen, in Kooperation mit dem Goethe-Institut geplanten Projekt historage – 7 places, 7 readings etwa entwickeln Ashley Fure (New York/Boston), Hanno Leichtmann (Berlin), Philip Miller (Kapstadt), Aleksej Shmurak (Kiew), Nicolás Varchausky (Buenos Aires), Samson Young (Hongkong) und das Distractfold Ensemble (Manchester) individuelle Lesarten des digitalen Ferienkurs-Archivs – von Performances über Klang- und Videoinstallationen bis hin zu einem Call for Remixes.

 

Intermediales Komponieren ist immer wieder in Darmstadt thematisiert und diskutiert worden, in diesem Jahr stellen wir das Motto „Music in the Expanded Field“ ins Zentrum des Programms, mit überwiegend neuen und in Auftrag gegebenen Arbeiten, bei denen Performance, Aufführungsraum, Licht, Klangbewegungen, Bewegungen der Besucher und viele andere Faktoren zu einem audiovisuellen Gesamterlebnis werden: Annesley Black entwirft eine Art Reenactment der frühen elektronischen Musikproduktion in Darmstadt. Lars Petter Hagens Live-Installation Archive Fever geht vom Archiv als Gegenstand ästhetischer Erfahrung aus und lässt die Tätigkeiten des Kuratierens und Komponierens ineinanderfließen. In ihrer „Opera for Objects“ The Force of Things verbindet Ashley Fure (Kranichsteiner Musikpreis 2014) instrumentale und elektroakustische Musik, architektonische Gestaltung und Theater zu musikalisch-dramatischen Ereignissen, bei denen Gegenstände das Zentrum des Geschehens bilden. François Sarhan und ZWERM beleuchten in einer Konzert-Installation die Bedeutung von Arbeitsteiligkeit und Spezialisierung im Bereich der Musik. Eva Reiter und Ictus eröffnen mit The Lichtenberg Figures einen musikalischen Raum aus bisweilen bizarr verdichteten akustischen und elektronischen, vokalen und instrumentalen Klängen, der ebenfalls von einem szenografischen Konzept kontrapunktiert wird.

 

Mit Projekten wie Marko Cicilianis Workshop über Audiovisualität „Music in the Expanded Field“ oder dem Projekt „Just Beyond Our Instruments Is The World“ von Steven K. Takasugi und dem jungen Ensemble Mocrep aus Chicago wird ein Weg fortgesetzt, den die Ferienkurse 2014 unter der Maxime „Performing Matters“ begonnen hatten. Hieran knüpfen nicht zuletzt neue Arbeiten von Stefan Prins (PIANO HERO), dem Gitarristen Nico Couck („Polyptychon“) oder Sasha Waltz & Guests („UN/RUHE“) an. Das Abschlussprojekt, ein choreographisches Konzert mit Sasha Waltz & Guests, der Jungen Deutschen Philharmonie und Geigerin Carolin Widmann nimmt den großen Bogen auf, der mit De Keersmaekers Vortex Temporum begonnen wurde.

 

In mehr als 65 öffentlichen Veranstaltungen präsentieren die 48. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 2016 etwa 40 Uraufführungen, darunter mehr als zehn Auftragswerke, die eigens für das diesjährige Jubiläumsfestival entstanden sind. Auch die Partnerschaft mit dem Staatstheater Darmstadt, die in die Anfänge der Ferienkursgeschichte zurückreicht, wird neu aktiviert wenn das Haus am Büchnerplatz gleich mit zwei Produktionen im Programm präsent ist: Neben der neuen Oper KOMA von Georg Friedrich Haas werden Werke der Finalist*innen des Internationalen Musiktheaterwettbewerbs Darmstadt präsentiert.

 

Für den Theoriebereich der Ferienkurse setzt die internationale Konferenz EXCESS. Forum for Philosophy and Art (4. bis 7. August 2016) einen der Schwerpunkte: Kuratiert von Jörn Peter Hiekel, Dieter Mersch und Michael Rebhahn unter Mitarbeit von Fahim Amir, widmet sich EXCESS mit internationalen Gästen Fragen zur Entgrenzung der Künste („Überschüsse“), zum „Politischen“ und zu „Musik als Philosophie“. Dabei soll es darum gehen, kompositorische Strategien als exemplarisch für eine Reflexion der Gegenwartskultur auszuweisen.


Ein Think Tank zum Thema „Kritik“, kuratiert und geleitet von Patrick Frank, widmet sich fundamentalen Fragen zum Selbstverständnis der Neuen Musik, ausgehend von Darmstadt als einem ihrer Zentren.

 

Die Darmstädter Ferienkurse 2016 bieten mit über 60 Dozentinnen und Dozenten ein umfangreiches Kurs- und Workshopprogramm an: von Kursen in Komposition und diversen Instrumentalfächern, über Workshops des Atelier Elektronik, einer Schreibwerkstatt für junge Musikjournalist*innen, bis hin zu experimentellen Projekten. Etwa 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus rund 50 Nationen werden vom 29. Juli bis 14. August 2016 in Darmstadt erwartet.

 

Tickets für die Konzerte und das laufend aktualisierte Programm gibt es unter
www.internationales-musikinstitut.de/programm2016

 

Gefördert von Kulturstiftung des Bundes, Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Jubiläumsstiftung der Sparkasse Darmstadt, Ernst von Siemens Musikstiftung, Allianz Kulturstiftung, Merck’sche Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft sowie vielen weiteren Förderern und Sponsoren

 

Das IMD ist ein Kulturinstitut der Wissenschaftsstadt Darmstadt.

70 Jahre: 1946 – 2016
Internationale Ferienkurse für Neue Musik (29. Juli bis 14. August 2016)

 

Music in the Expanded Field

Zeitwirbel, Zeitstrudel – vortex temporum: Die richtige Metapher für das Eröffnungsprojekt der 48. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt 2016, aber auch ein treffendes Bild für die ereignisreiche Geschichte einer der weltweit wichtigsten Plattformen für die Musik unserer Zeit. Seit 70 Jahren gibt es die Darmstädter Ferienkurse – 1946 wurden sie vor den Toren der damals völlig zerstörten Stadt zum ersten Mal auf Schloss Kranichstein veranstaltet. Sieben Jahrzehnte Darmstädter Ferienkurse – das bedeutet auch: sieben Jahrzehnte mitgestaltete Musikgeschichte. Nahezu alle bedeutenden Namen der Musik nach 1945 sind mit Darmstadt verbunden, ebenso wie die ästhetischen Debatten und zum Teil heftigen Kontroversen über Gegenwart und Zukunft des Komponierens.