eventgrafik-2016

 

In this BLOG, the Writing Workshop of the Darmstadt Summer Course, directed by Anne Hilde

Neset, Peter Meanwell and Stefan Fricke, is publishing texts and audio reviews during the festival.
The articles represent the opinion of the respective author.

 


17.08.2016

Tolerance Stacks - No Flow!

BLOG


 

Am Donnerstag, 11. August 2016, kam das neue Stück „Tolerance Stacks" der kanadischen Komponistin Annesley Black (*1979) bei den Darmstädter Ferienkursen zur Uraufführung. Leider scheiterte die Produktion – eine Hypothese!

 

Das Setup auf der Bühne der Darmstädter Centralstation war beachtlich: ein Flügel, ein Moog-Synthesizer, zwei DJ-Decks, ein Drum-Set, ein Mischpult, zwei alte Bandmaschinen, zwei Videoscreens, im Raum verteilte Lautsprecher und vorne in der Mitte ein mit allerlei weiteren Geräten beladener Tisch, von dem aus der Filmkünstler Lutz Garmsen Live-Video-Projektionen auf eine Extra-Leinwand über der Bühne warf. Die fünf MusikerInnen, die die Maschinen bedienten, verschwanden fast hinter ihnen, was wohl auch so gedacht war.


Denn das Konzept des Abends beschäftigte sich weitgehend mit der Materialität und dem Zerfall der Maschinen und nicht mit der Präsenz der Menschen. Die in Frankfurt ansässige Annesley Black nahm die Aufforderung des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, eine Komposition für die Geräte des Darmstädter Studios für elektronische Musik von Hermann Heiß zu schreiben, zum Anlass für medientheoretische Reflexionen über die Vergänglichkeit und den schnellen Wandel der Technologien. Texte von Thomas Edison und Charles Cros, beides Pioniere der Tonaufzeichnung, wurden von der hervorragenden Sängerin Julia Mihály gesungen. Ein vorgelesener Brief erzählt davon, dass Heiß' alte Instrumente leider nicht zu reparieren sind. Ein Foto von Karlheinz Stockhausen im Kölner Studio für Elektronische Musik wurde auf einem Magic Sketcher nachgezeichnet. Das Dokument vergangener Tage wurde mit einer umständlichen, an alte Klangmaschinen erinnernde Technik humorvoll rekonstruiert.


Annesley Blacks Beschäftigung mit den technologischen Errungenschaften und dem Verfall der gestrigen Technologien spiegelte sich in der Materialschlacht auf der Bühne wieder. Das Mischpult diente als No-Input-Mixer. Ein Instrument, das nur dank der Referenz auf die eigene Medialität, dank internen Feedbacks klingen kann. Die perfekte Verkörperung mediengeschichtlicher Selbstreflexion. Der Synthie-Klang wechselte sich mit dem Klang des Flügels ab und stellte somit die „alte" Klanglichkeit der akustischen Instrumente der „neuen" elektronischen gegenüber. Das gleiche gilt für ein Intermezzo zwischen Klavier (Sebastian Berweck) und zwei Saxofonen (Nikola Lutz und Mark Lorenz Kysela) und den Scratches von Martin Lorenz. Da traf Kunstmusik des 20. Jahrhunderts auf den Sound der Hiphop-Subkultur der 1980er Jahre.


Die verschiedenen Ansätze fanden leider nicht wirklich zusammen. Zu vereinzelt waren die Gegenüberstellungen und zu verwirrend die Präsentation. Man war sich nicht sicher, ob die MusikerInnen in den Moden der vergangenen Jahrzehnte kostümiert waren oder ob sie ihre eigenen Kleider trugen. Denn eigentlich standen die Maschinen im Zentrum und nicht die sie Bedienenden. Doch plötzlich traten die Menschen hinter den Maschinen hervor und – hier beginnt die Spekulation – das Stück zerfiel leider. Alle Reflexionen und konzeptuelle Gedanken konnte Annesley Black nicht mehr hineinpacken. Immerhin zitierte sie noch die Forschung und Dokumentation des Projektes. Und dann fiel Black als einzige Lösung ein Hiphop-Song ein. So trommelte Martin Lorenz einen schweren Beat in sein Schlagzeug. Sebastian Berweck erfand eine knackige Synthie-Bassline dazu und Black dichtete ein paar Zeilen über die Geschichte der elektronischen Musik, die die anderen (inklusive dem musikalischen Leiter Ajtony Csaba und der plötzlich auftretenden Black selbst) mit mehr oder weniger gekünstelter Begeisterung und vom Spickzettel ablesend vorrappten. Eine Schüler-Hiphoptruppe hätte das wahrlich besser hingekriegt. Denn leider besitzen die MusikerInnen von „Tolerance Stacks" keinen Flow und mit einem Knacken der nicht mehr funktionstüchtigen Bandmaschinen endete das 50-minütige Stück!

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von Jaronas Scheurer