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06.08.2021 THREE
Auftragsarbeiten der drei Kranichsteiner Musikpreisträger*innen Sara Glojnarić, Martin A. Hirsti-Kvam und Oliver Thurley für das Berliner Ensemble Adapter

Gefördert durch die Pro Musica Viva – Maria Strecker-Daelen-Stiftung

OLIVER THURLEY ÜBER AUGURY

Wie würdest du augury in ein oder zwei Sätzen beschreiben?

Oliver Thurley: Fragile Klänge, in einem Millimeter-Maßstab inszeniert.

Welche Art von Vorhersage verbirgt sich hinter dem Kompositionstitel?

OT: Die Versuche des Zauberers John Dee (16. Jahrhundert), Engel zu beschwören.

Du hast das Stück als Auftragswerk für das Ensemble Adapter geschrieben. Hast du im Vorfeld gemeinsam mit den Musiker*innen verschiedene Klangmöglichkeiten ausgearbeitet? Was waren besondere Herausforderungen?

OT: augury ist aus einem kurzen Solo entstanden, das ich für Gunnhildur Einarsdóttirs Harfenstudio bei den Darmstädter Ferienkursen 2018 geschrieben habe. Andere Teile kamen von außen hinzu, wobei sich Gesten und Klänge der Harfe in andere Instrumente einschlichen.

Viele Klänge begannen als Fragen oder Ideen für das Ensemble, andere begannen als von mir erzeugte rudimentäre Tests, die das Ensemble bestand und weiterentwickelte. Ich habe auch zwei Studien geschrieben, die Adapter die Möglichkeit gaben, bestimmte Arten von Klängen und Aktionen intensiver zu erforschen. Diese gaben einen klareren Hinweis auf bestimmte Techniken oder Texturen; darüber hinaus ließen sie uns in einigen Teilen der Partitur offener agieren, was uns Raum für die Erforschung und die bessere Interpretation der Ergebnisse gab.

Übersetzung: Gerardo Scheige

ENSEMBLE ADAPTER ABOUT THEMSELVES

SARA GLOJNARIĆ: THIS CHAMPAGNE IS BURNED

This Champagne Is Burned ist eine Videoarbeit, die den Begriff der Übersetzung als erweiterte Autorenschaft (Edwin Gentzler, 2016), ihre Diskrepanzen, ihre paradoxe Natur sowie ihr Potenzial als politisch subversive Geste untersucht.

Sie erforscht die Synchronisation als eine Form der Aneignung und Neutralisierung des ursprünglichen Inhalts, sei er visuell oder auditiv, indem sie Material aus dem Bereich der Popmusik nebeneinanderstellt und neu kontextualisiert. Dabei werden Techniken und Verfahren der audiovisuellen Übersetzung verwendet, beispielsweise vage Musikbeschreibungen in Untertiteln, semantische Fehldarstellungen, ,kinetische Untertitel‘ und Interviews als eine Form der interkulturellen Übersetzung.

Sara Glojnarić (Übersetzung: Gerardo Scheige)

MARTIN A. HIRSTI-KVAM: THROUGH IMAGINARY LANDSCAPES

„Die Landschaft ist eine durch die Kultur vermittelte natürliche Szenerie. Sie ist sowohl ein repräsentierter als auch ein präsentierter Raum, sowohl ein Signifikant als auch ein Signifikat, sowohl ein Rahmen als auch das, was ein Rahmen enthält, sowohl ein realer Ort als auch sein Simulacrum.“

W. J. T. Mitchell

1939 komponierte John Cage die erste seiner Imaginary Landscapes (für Becken, präpariertes Klavier und zwei Plattenspieler) und verwandelte damit ein Abspielgerät in ein Musikinstrument, indem er Testtonschallplatten manipulierte.

In dieser Werkreihe setzt Cage neben den traditionellen Schlaginstrumenten auch Technik ein, experimentiert mit Radios und der Verstärkung von Objekten und bezieht andere Musik durch die Verwendung von Mashups ein.

Gleichzeitig verdeutlicht diese Reihe von Landscapes eine Verschiebung in Cages kompositorischem Fokus: von der Konzentration auf das, was sich innerhalb des Rahmens befindet, hin zur Schaffung eines Rahmens, aus dem die Musik heraus entstehen kann – eine Verlagerung, die in Imaginary Landscape No. 5 aus dem Jahr 1952 gipfelt, das nur wenige Monate vor der gerahmten ,Stille‘ von 4’33’’ geschrieben wurde. Hier lässt Cage den Rahmen vollständig offen, damit andere Musik darin platziert werden kann.

In meiner Arbeit untersuche ich weiterhin solche Konzepte von Landschaft und Technologie, indem ich sowohl Klänge als auch Ideen aus Cages Imaginary Landscapes sample und remixe und dabei neben Plattenspielern und UKW-Radios auch heutige Technik verwende.

Im Zentrum dieser Erkundung steht die Hörerin als Solistin. Als Avatar mit binauralen Kopfhörern in den Ohren folgen wir ihren Schritten durch reale, virtuelle, historische und imaginäre Landschaften.

Martin A. Hirsti-Kvam (Übersetzung: Gerardo Scheige)

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© ️Kristof Lemp