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Composing The Archive

historage – 7 places, 7 readings war ein Projekt des Internationalen Musikintituts Darmstadt (IMD) und des Goethe-Instituts aus Anlass des 70. Jubiläums der Darmstädter Ferienkurse im Jahr 2016. Das von Michael Rebhahn kuratierte Projekt initiierte die Entstehung einer Reihe künstlerischer Arbeiten, die von Historie und Historizität der Ferienkurse inspiriert sind. Die grundlegende Idee von historage ist die künstlerische Auseinandersetzung mit den akustischen, visuellen und textlichen Materialien des Archivs des Internationalen Musikinstituts, das seit 2010 digitalisiert wird und mittlerweile als Online-Ressource zugänglich ist.

Der Delokalisation und der weltweiten Verfügbarkeit des digitalen Archivs gemäß, war historage als transnationales Projekt konzipiert und vereint künstlerische Beiträge aus sieben Ländern in Afrika, Nord- und Südamerika, Asien und Europa. Als Kooperation zwischen IMD und dem Goethe-Institut wurde das Projekt von den Goethe-Instituten in Boston, Buenos Aires, Hongkong, Johannesburg, Kiew und London unterstützt.

Ein erstes Treffen aller Künstler*innen gab es im Januar 2016 in Darmstadt. Die einzelnen Projekte – von Performances, über Klang- und Videoinstallationen bis hin zu einem Call for Remixes – wurden im August 2016 bei den Darmstädter Ferienkursen gezeigt. Soweit möglich, sollen die Arbeiten  – mit Unterstützung der lokalen Goethe-Institute – in den jeweiligen Herkunftsländern der Künstler gezeigt werden.

Künstler*innen:
Distractfold Ensemble (Manchester)
Ashley Fure (New York/Boston)
Hanno Leichtmann (Berlin)
Philip Miller (Kapstadt)
Alexej Shmurak (Kiew)
Nicolás Varchausky (Buneos Aires)
Samson Young (Hongkong)

historage ist ein Projekt des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) und des Goethe-Instituts.
Gefördert durch die
Kulturstiftung des Bundes

Hanno Leichtmann: Nouvelles Aventures
Klanginstallation (2016)

Wie auch bei seinen vorangegangenen Installationen, destilliert Hanno Leichtmann in Nouvelles Aventures sein Klangmaterial ausschließlich aus einem thematisch festgelegten (Klang)-Archiv, hier: Konzertmitschnitte, Vorträge und Diskussionen aus 70 Jahren Neuer Musik-Geschichte. Die subjektiv ausgewählten Klänge werden durch seinen einzigartigen Maschinenpark aus spannungsgesteuerten (Micro)-Loopern geschickt, aufgenommen, und anschließend im Studio zu einer Mischform zwischen Installation und Hörspiel montiert. Dabei konzentriert sich Leichtmann auf den ursprünglichen, puren Klang des Archivs: Es werden vorrangig die klassischen Parameter der frühen elektronischen (Tonband)-Musik angewandt: Amplitude, Tonhöhe/Geschwindigkeit, Laufrichtung, Aneinanderreihung/Schnitt — vor allem aber die Wiederholung.

Nicolás Varchausky: The Migration of Data and Other Life Forms
Klanginstallation (2016)

The Migration of Data and Other Life Forms ist eine Klanginstallation, die einen Datenmigrationsprozess in Gang setzt, welcher Stimmen aus dem IMD-Archiv und dem Archivo PAIS — Varchauskys persönlichem Archiv anonymer Stimmen — in einen 15 x 4 Meter großen Zaun einspielt, der den Ausstellungsraum einnimmt. Mit einer Reihe elektrodynamischer Wandler werden die Stimmen der vortragenden Komponisten aus Darmstadt durch den Zaun wandern, um auf die Stimmen anonymer Straßenverkäufer, informeller Prediger, Institutionssprecher und Straßenkünstler zu treffen. Indem die Besucher den Zaun mit modifizierten Stethoskopen abhorchen, können sie den Klängen beider Archive lauschen — dem persönlichen und dem historischen — auf ihrer Migration durch seine Oberfläche.

In Kooperation mit Matías Sendon
Mit Unterstützung durch das Forschungsprojekt Sistemas Algorítmicos de espacio y tiempo en el arte sonoro (S.A.E.T.A.S. UNQ), Teil des Forschungsprogramms Sistemas temporales y síntesis espacial en el arte sonoro

Philip Miller: BikoHausen : Steve Bantu Biko and Karlheinz Stockhausen in Johannesburg, 1971
Multimedia-Installation (2016)

Am Ende eines Arbeitsaufenthalts in Südafrika im März 1971 besuchten Karlheinz Stockhausen und Mary Bauermeister Soweto, den Zusammenschluss der Townships für die schwarze Bevölkerung von Johannesburg. Dabei wurden sie vom Black-Consciousness-Aktivisten Steve Biko begleitet. Natürlich wird niemand jemals wissen, was genau passierte, als sich Biko und Stockhausen in Soweto trafen — was der Inhalt ihrer Gespräche war. Musik? Politik? Wir können nur Vermutungen anstellen. Millers Arbeit versteht sich als ein solcher imaginierter Dialog. Stockhausen and Biko in Johannesburg ist eine dreifache Videoprojektion mit Multikanal-Soundtrack — die mit den Resultaten eines Performance-Workshops in Johannesburg arbeitet. Hier traf sich eine Gruppe südafrikanischer Interpreten, die während eines Tages intuitive Antworten auf eine Auswahl von Archivmaterialien fand, die Miller zusammengestellt hatte.

In Zusammenarbeit mit: Siya Makuzeni, Ann Masina, Tlale Makhene, Bham Ntabeni, Waldo Alexander, Vus’umuzi Nhlapo

Samson Young (in Zusammenarbeit mit Michael Schiefel): Notational Tendencies and Performance Processes
3-Kanal Videoinstallation (2016)

Notational Tendencies and Performance Processes ist ein dramatisches Re-Enactment einer Lecture des amerikanischen Komponisten Earle Brown, die er 1964 bei den Darmstädter Ferienkursen gegeben hat. Brown sprach hier von der »kulturellen Verantwortung« notationaler Praxis. In Youngs Film umkreist die Kamera den Schauspieler langsam für die Dauer einer Stunde, wobei sie kontrastierende Perspektiven zwischen der Performance und dem Raum des Geschehens preisgibt. (Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit dem Schaupieler Michael Schiefel.)

Unterstützt durch die Earle Brown Music Foundation

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© ️Philip Miller
© ️Philip Miller
© ️Philip Miller
© ️Philip Miller