Im Gespräch: Nuria Schönberg-Nono

Nuria Schönberg-Nono (*7. Mai 1932) erinnert sich an die Darmstädter Ferienkurse der 50er Jahre, an die ersten Aufführungen der Musik ihres Vaters Arnold Schönberg in Deutschland nach dem Krieg, an ihre Begegnung mit Luigi Nono. Das Interview ist Teil des Oral History-Projekts NACHHALL. Initiiert im Jahr 2011 vom Internationalen Musikinstitut Darmstadt (IMD), dokumentiert NACHHALL die Erinnerungen wichtiger Protagonisten aus der Frühzeit der Darmstädter Ferienkurse (1950er und 1960er Jahre). Das Projektteam – Michael Rebhahn (Musikpublizist), Christian Gropper (Dokumentarfilmer) und Lukas Einsele (Fotograf) – hat Nuria Schönberg-Nono im September 2012 in Venedig besucht. Wir veröffentlichen Ausschnitte aus dem Gespräch anlässlich des 90. Geburtstages von Nuria Schoenberg Nono am 7. Mai 2022.

 


Aufgenommen am 25. September 2012 im Archivio Luigi Nono in Venedig
Interview & Postproduktion: Michael Rebhahn
Kamera: Christian Gropper
Licht und Ton: Lukas Einsele
(c) Internationales Musikinstitut Darmstadt 2022

 

 

In Amerika, als ich aufwuchs, habe ich das Glück gehabt, dass meine Eltern, besonders auch meine Mutter, uns Kindern erklärt hat, wie wichtig die Musik von unserem Vater war. Sonst hätten wir das nie gewusst. Und ich erinnere mich: Ich war einmal in einem Auto mit einer Mutter und einem Kind, mit dem wir in die Schule gingen. Und diese Mutter hat mich gefragt, was mein Vater tut. „What does your father do?“ Und dann habe ich gesagt: „Oh, er ist der größte Komponist der Welt.“ Ich war so zehn Jahre alt. Und dann hat sie gesagt, „Ah, dann müsste er sehr reich sein.“ Und dann sage ich: „Nein, nein, wir haben sehr wenig Geld“. Da sagt sie: „Oooh, I’m sorry!“

Und das wurde so ein Witz in der Familie, dieses: „I’m sorry!“ – Das Wichtigste ist natürlich, dass man viel verdient.

 

Aber eines Tages, es war natürlich nach dem Krieg, hat mein Vater mir einen Brief gezeigt, den er von Luigi Dallapiccola bekommen hatte, aus Italien. Und dann hat er gesagt: „Weißt du, dieser junge Komponist schreibt mir, dass es viele junge Italiener gibt, die sich interessieren für meine Musik“, und dass er selber sich auch interessiert und Zwölftonmusik schreiben will oder es auch tut. Das hat ihm eine ganz große Freude gemacht. Und einmal hat er gesagt, „Weißt du, ich sorge mich nicht um die Zukunft meiner Musik, weil ich weiß, dass es mindestens fünf Leute gibt, die sie wirklich verstehen.“ Dann hat er aufgezählt, wer diese Leute waren. Ich weiß ich nicht mehr, wer sie waren. Aber er war in dieser Hinsicht so ganz ehrlich und offen und sagte wirklich, was er meinte. Und als man in Darmstadt seine Musik wieder aufführen konnte, nach dem Krieg, die war ja verboten gewesen während der Nazizeit, hat er sich natürlich sehr gefreut und wäre sehr gerne nach Darmstadt gefahren, 1950 und 51, wo er beide Male eingeladen war.

 

Zu dieser Reise ist es dann aber nicht mehr gekommen…

 

Er war schon zu krank. Einerseits zu krank und andererseits hat er Angst gehabt, dass die Situation, die politische Situation noch nicht ganz einwandfrei wäre. Und da hat er sogar recht gehabt. Ich habe von Herrn Hommel gehört, dass, als man denn Survivor in Frankfurt aufführen hätte sollen in dem Jahr, wo er hätte kommen sollen, hat man gesagt: „Nein, besser ein anderes Stück, denn es könnten Leute im Publikum sein, die das stört.“ Aber er hat Angst gehabt vor Nazis, die vielleicht dort noch am Leben waren und wie wir wissen, waren es viele, und auch in wichtigen Stellen, auch noch gleich nach dem Krieg. Und ich glaube, das ist einer der Gründe, warum er, besonders 1950, nicht zurückgekommen ist. Und andererseits war es auch, weil er nicht gesund war. Er hat ja sein ganzes Leben lang Asthma gehabt, und man konnte sich schwer vorstellen, dass er im Flugzeug hinüberfliegen konnte. Als meine Mutter und ich 54 dann in Hamburg waren und es so wunderbar war, hat sie gesagt, „Ach, es tut mir leid. Ich hätte ihn doch dazu bringen sollen, nach Darmstadt zu fliegen, wenn ich gewusst hätte, dass es so leicht ist“. Was es nicht war. Ich weiß nicht, wie viele Stunden von Amerika, 24 Stunden mit … das waren keine Jets damals. Das war also alles sehr lang und schwer. Aber sie meinte, man hätte ihm eine Flasche Sauerstoff geben können, und er hätte das vielleicht doch machen können. Als ich gesehen habe, wie wunderbar es war: wieder dieses Leben, dieses Interesse für die Musik und für die Kultur und alles. Also, das war wirklich… das tat ihr leid. Aber ich glaube nicht, dass er hätte kommen können.

 

Im März 1954 sind Sie dann selbst, anlässlich der Uraufführung von Moses und Aron in Hamburg, erstmals zurück nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie das erlebt?

 

Es war unglaublich für mich. Ich hatte sehr viel für meine Mutter gearbeitet. Das heißt, ich habe Briefe für sie geschrieben, getippt. Und so kannte ich die Namen von sehr vielen von meines Vaters Schülern und Freunden und Leuten, die noch in Europa korrespondiert haben mit meiner Mutter. Aber ich hatte keinen von denen je kennengelernt, und plötzlich waren sie alle da. Man konnte sie wirklich sehen und sprechen. Und die waren alle so begeistert von meinem Vater. Das hatte ich alles nie mitgemacht, weil auch die Schüler in Amerika, die ihn respektierten und die auch seine Musik liebten, das war eine ganz andere Art. Und dann habe ich alle diese Leute kennengelernt, und ich war dann die Tochter Schönbergs zum ersten Mal. Und alle waren sehr nett mit mir und wollten mich kennenlernen.

 

Aber natürlich das Beste war die Aufführung von Moses und Aron konzertant unter Hans Rosbaud. So etwas hatte ich noch nie gehört. Und nachher der Applaus und der große Erfolg, das war für mich, wie wenn ich auf einem anderen Planeten gewesen wäre. Und dann die zweite wirklich ganz große Sache ist natürlich, dass ein junger Komponist, der das Orchestermaterial herausgeschrieben hat aus der Partitur, die Scherchen vorbereitete für diese Aufführung, namens Luigi Nono, meine Mutter kennenlernen wollte, die Witwe von Arnold Schönberg, und ich stand daneben. Und daraus wurde eine Ehe, die mehr als 35 Jahre gedauert hat.

 

Das Wiedersehen mit Luigi Nono fand dann ein Jahr später bei den Darmstädter Ferienkursen statt…

 

Dann bin ich 1955 meinen Onkel besuchen gekommen nach Darmstadt. Rudolf Kolisch hatte ja eine Wohnung in Darmstadt und ich habe bei ihm und seiner Frau gewohnt. Dann haben wir uns dort wieder getroffen, und es ging sehr schnell, dass wir uns verlobt haben. Dann war die Uraufführung von Incontri am ersten Tag von den Tagen dort, und das war so ein großer Erfolg, dass es zweimal gespielt wurde, und nachher gab es ein großes Abendessen in einem Hotel, das nicht mehr gibt, die Traube. Und da war auch der Bürgermeister von Darmstadt, Engel, und auch andere Leute, die offiziell mit den Kranichsteiner Tagen zu tun hatten, und viele Komponisten und junge Leute, die wir auch kannten. Und natürlich mein Onkel und Tante und so weiter. Und das war dann wirklich wie in einem Hollywood-Film: Wir haben dem Bürgermeister Engel zugeflüstert, dass wir uns verlobt hatten. Und dann hat er eine Flasche Champagner oder Sekt bringen lassen, und es wurde angesagt und großer Applaus…. Das war auch ganz, ganz merkwürdig für mich, etwas ganz Neues.

 

Welchen Eindruck haben die Ferienkurse auf Sie gemacht?

 

Die Atmosphäre war fantastisch. Da waren alle diese jungen und weniger jungen Komponisten, die diskutierten und zuhörten, was der andere zu sagen hat, aber kritisch zuhörten. Und ich fand das fantastisch, weil, die waren alle so voll mit Enthusiasmus und so stark in ihren eigenen Ideen. In Amerika hat man diese Sache Don‘t hurt people’s feelings!, und ich war auch so aufgewachsen. Dass man um Gottes willen niemandem zu scharf etwas sagt, weil man sie dann beleidigten könnte. […] Es gab keine Zensur, es gab keine Richtung. Ich meine, alle konnten wirklich dort sprechen und diskutieren. Das muss ja auch für Deutschland etwas ganz Besonderes gewesen sein in diesen Jahren, also überhaupt glaube ich in der ganzen Welt. […] Das hat mir auch imponiert, diese Art und der Ernst von allen diesen Leuten auf einer Seite und dann, wie lustig sie waren, wenn man dann am Abend zum Beispiel in den Schlosskeller ging und getanzt wurde und alle diese ernsten Komponisten sich ganz blöd benommen haben und getrunken haben und so. Das war auch für mich ganz neu.

 

Haben sich die Komponisten des sogenannten Serialismus Ihrem Eindruck nach als Gruppe oder sogar als (Darmstädter) Schule verstanden?

 

Anfangs, als sie alle sehr jung waren und noch nicht so bekannt und jeder etwas Neues machte in seiner eigenen Musik, waren Sie eigentlich alle, ich glaube, befreundet. Gigi hat einen ganz großen Respekt für Stockhausen gehabt. Ich habe Briefe, wo er mir geschrieben hat, „Du musst ihn kennenlernen. Ich war jetzt bei ihnen, in Köln.“ Er war wochenlang mit Karl-Heinz Stockhausen zusammen, auch mit der Familie. Und wir haben eine Reise hier aus Venedig zusammen mit Doris und Karlheinz Stockhausen gemacht. Ich glaube, Markus heißt Markus wegen dem Markusplatz. Und es gibt Briefe zwischen den Zweien, die 8-9 Seiten lang sind über Musik, also Diskussionen. Und ich glaube, das ist besonders bei meinem Mann, dass er als Italiener meinte, man kann diskutieren über Sachen und nicht einverstanden sein und doch Freunde sein. Und das haben nicht alle so gesehen. Ich glaube, er hat fast nie etwas Bösartiges gesagt über andere Komponisten, er hat einfach Respekt gehabt. Und auch wenn sie anders dachten oder anders komponierten als er, das war gut und normal. Jeder musste seine eigene Ausdrucksform haben. Das schien ganz normal, glaube ich. Natürlich gab es vielleicht einen Unterschied zwischen diesen Namen, die Sie genannt haben, also Boulez und Nono und Stockhausen, Pousseur und andere, die es nicht mehr sinnvoll fanden, in einer, sagen wir, alten Weise zu komponieren.

 

1959 hielt Luigi Nono den Vortrag „Geschichte und Gegenwart in der Musik von heute“ und sorgte damit für einen Eklat. Wie kam es dazu?

 

Inzwischen war Cage schon in Darmstadt gewesen und hatte dort eine Revolution gemacht. Die vielen jungen Komponisten aus allen Ländern, die inzwischen schon nach Darmstadt kamen zu diesen Kursen, hatten plötzlich eine Möglichkeit, moderne Musik zu schreiben, ohne viel zu arbeiten. Ich muss es so sagen, weil, die ersten Jahre kamen diese Leute, viele von ihnen – also das sind nicht die großen Komponisten, die geblieben sind und die man jetzt kennt, aber Massen von jungen Leuten, die aus verschiedenen Ländern kamen. Und sie suchten eine Formel, ein Modell, um moderne Musik zu schreiben. Und dann kam John Cage, und das war einfach. Da konnte man machen, was man will. Es gab keine Regeln. Es war faszinierend, und John Cage war faszinierend und seine Interpreten haben mitkomponiert. Und es war alles neu und amerikanisch, was ja auch sehr interessant war damals, und irgendwie hat das einen ganz großen Erfolg gehabt. Und mein Mann hat dann eben im nächsten Jahr, 1959, diesen Vortrag gehalten, in dem er meinte, dass man nicht aus seiner eigenen Tradition, etwas aus einer total anderen Herkunft einfach übernehmen sollte. Dass jeder eine eigene Geschichte hat, aus seinem eigenen Land oder seiner eigenen Kultur, die man vorwärtsbringen kann. Aber man darf sie nicht vergessen. Man kann nicht einfach ein Modell nehmen von irgendwo und das draufkleben auf seine schöpferische Arbeit. Und das war natürlich nicht gegen Cage, weil Cage machte, was für ihn richtig war, meinte mein Mann. Er kam aus einer ganz anderen Kultur und hat keine Schuld gehabt, dass andere Leute sein Modell nachmachen wollten. Aber als er diesen Vortrag hielt, waren alle, ich muss sagen alle, schockiert. Und am nächsten Tag, erinnere ich mich, dass niemand ihn mehr begrüßte. Ich war damals dort mit meiner, mit unserer ganz kleinen Silvia, ein paar Monate alt, und ich erinnere mich: Gigi war ganz überrascht, er konnte es nicht glauben. Wenn er jemanden begrüßt hat, haben die sich weggedreht und haben nicht mehr sprechen wollen. Es war eisig. Sowas hatte ich noch nie mitgemacht, und ich glaube, er auch nicht. Und er konnte es nicht glauben, weil er meinte, er hat jetzt seine Idee vorgetragen und man könnte diskutieren darüber, darüber sprechen, nein, es war total aus.

 

Wie erklären Sie sich heute diese heftigen Reaktionen?

 

Ich weiß nicht. Darum war es ja auch so furchtbar dramatisch, die Sache, weil man das überhaupt nicht erwartete. Aber vielleicht ist es passiert, dass es eben… Wir waren dann schon in 59, und die verschiedenen Positionen fingen an, sich zu sichern. Und vielleicht war das aus, die Zeit, wo alle jung waren und alle zusammen, also sich der eine den anderen anhörten und so. Es war, sagen wir, zwischen dem Italiener, der sehr politisch ist und der bekennender Kommunist ist, gegen den Amerikaner, der die Freiheit bringt. Das war so diese Idee von der Freiheit. Ich glaube, das kann es sein. Und das wollten die Leute nicht hören.